Energiekonzern E.ON treibt Wachstum in Türkei voran

Dienstag, 4. Dezember 2012, 12:27 Uhr
 

Düsseldorf/Wien (Reuters) - E.ON-Chef Johannes Teyssen hat den Einstieg des Energiekonzerns in den schnell wachsenden türkischen Markt perfekt gemacht.

Der in Deutschland unter der Atomwende leidende Versorger übernimmt vom österreichischen Konkurrenten Verbund 50 Prozent der Anteile an dem türkischen Energieunternehmen Enerjisa. Partner in dem Joint Venture ist die türkische Sabanci-Gruppe. "In der Türkei haben wir genau das gefunden, was wir gesucht haben - einen stabilen Markt mit interessanten Wachstumsperspektiven und einen hervorragenden Partner, der bestens etabliert ist", sagte Teyssen am Dienstag. Die Transaktion hat eine Größenordnung von 1,5 Milliarden Euro.

E.ON ist in Deutschland an seine Wachstumsgrenzen gestoßen und sucht sein Heil in fernen Märkten. Anfang des Jahres hatte Teyssen bereits Brasilien ins Visier genommen. "Die Türkei zählt zu den wachstumsstärksten Ländern der Welt und verzeichnet eine erhebliche und anhaltende Zunahme des Energiebedarfs", erläuterte der Manager nun. Mit dem Partner Sabanci wolle der Konzern bis 2020 in der Türkei über Kraftwerke mit einer Leistung von bis zu 8000 Megawatt verfügen. Damit würde der Anteil Enerjisas am Erzeugungsmarkt auf zehn von vier Prozent zulegen. Die Zahl der Endkunden - die meisten von ihnen in Ankara und Umgebung - soll von knapp 3,5 Millionen auf sechs Millionen steigen. Atomkraftwerke will E.ON in der Türkei nicht errichten.

Bis 2015 will der Energieriese jährlich etwa 150 bis 200 Millionen Euro in das Gemeinschaftsunternehmen investieren. Das sind gemessen an früheren Milliardeninvestitionen des Konzerns in neue Märkte in Südeuropa oder Russland überschaubare Summen. Bei E.ON sitzt das Geld aber auch bei weitem nicht mehr so locker. Das Unternehmen kämpft mit Schulden in Höhe von über 35 Milliarden Euro und will bis zu 11.000 Jobs streichen.

E.ON SUCHT HEIL IN DER FERNE - ERST BRASILIEN, NUN TÜRKEI

Der Anteilstausch mit Verbund soll im ersten Quartal 2013 abgeschlossen werden. Die Österreicher erhalten im Gegenzug zu dem Enerjisa-Paket von E.ON Anteile an acht bayerischen Laufwasserkraftwerken und rund 300 Millionen Euro in bar. Der mehrheitlich in Staatsbesitz stehende Konzern will sich künftig auf Wasserkraft in Österreich und Deutschland konzentrieren. "Daher ergreifen wir die Chance, unsere Wasserkrafterzeugung in Deutschland auszubauen sowie mehr Kontrolle in bestehenden Beteiligungen zu haben", sagte Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber. Mit dem Ausstieg aus dem Türkei-Geschäft erzielt Verbund Schätzungen zufolge einen Buchgewinn von rund 500 Millionen Euro. Für den Einstieg in den Markt hatte der Konzern 1,2 Milliarden Euro gezahlt.

Mit dem Vorstoß in der Türkei kann Teyssen zum Ende eines schwierigen Jahres doch noch einen Erfolg verbuchen. Mitte November hatte der größte deutsche Energiekonzern noch mit der Rücknahme seiner Geschäftsprognosen für die kommenden Jahre für einen Kurssturz der Aktie gesorgt. Während in Europa die Strompreise wegen der schwächeren Konjunktur unter Druck sind, nimmt der Verbrauch in aufstrebenden Ländern wie der Türkei und Brasilien zu. In Brasilien hat sich E.ON an dem Versorger MPX des deutschstämmigen Milliardärs Eike Batista beteiligt. Das Gemeinschaftsunternehmen soll in Brasilien und Chile Kraftwerke mit einer Kapazität von rund 20.000 Megawatt betreiben. Teyssen hatte auch einen Blick auf den indischen Markt geworfen, einen Einstieg dort aber vorerst zu den Akten gelegt.

 
The building site of a coal power plant of German utility giant E.ON is pictured in the western city of Datteln May 1, 2012. (GERMANY - Tags: ENERGY BUSINESS)