Deutschland wird für Autobauer immer weniger wichtig

Dienstag, 4. Dezember 2012, 15:16 Uhr
 

Hamburg/Berlin (Reuters) - Deutschland verliert für seine Autohersteller weiter an Bedeutung.

Während im Inland - auch angesichts der ausufernden Absatzkrise in Westeuropa - in diesem Jahr mit rund 5,4 Millionen Fahrzeugen gut drei Prozent weniger aus den Fabrikhallen rollen werden, nimmt die Fertigung im Ausland stetig zu. Die Auslandsproduktion, die bereits seit 2010 über der im Inland gelegen habe, werde im laufenden Jahr voraussichtlich um acht Prozent auf 7,7 Millionen Einheiten klettern, erklärte der Branchenverband VDA. "Das ist noch konservativ gerechnet", sagte VDA-Chef Matthias Wissmann am Dienstag in Berlin.

In den vergangenen Monaten hätten die Hersteller ihre Produktion stärker zurückgenommen, als es die Marktlage eigentlich erfordere, erläuterte Wissmann. Er begründete dies damit, dass die Autobauer Lagerbestände verringerten. Der Export werde um zwei Prozent auf 4,1 Millionen Einheiten schrumpfen.

Grund für die höhere Produktion im Ausland ist, dass die Hersteller ihre Fahrzeuge immer öfter dort fertigen, wo sie verkauft werden. Volkswagen hat deshalb vor gut einem Jahr ein Werk im US-Staat Tennessee eröffnet, um die wachsende Nachfrage in Amerika zu bedienen. Die Oberklassetochter Audi errichtet in Mexiko ein Werk, um von dort Geländewagen in die USA zu liefern. Auch Daimler und BMW produzieren in Nordamerika. Der Münchner Autokonzern hat zudem den Bau einer Fabrik in Brasilien angekündigt.

In China werden gleich mehrere neue Werke gleichzeitig aus dem Boden gestampft, weil sich auch dort alle großen Autobauer eine Scheibe vom wachsenden Markt abschneiden wollen. Alleine Volkswagen errichtet dort gerade drei neue Fahrzeugwerke und hat ein weiteres Motorenwerk angekündigt. Auch die Opel-Mutter General Motors baut in der Volksrepublik fleißig und liefert sich mit VW auf dem weltgrößten Fahrzeugmarkt ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

SCHLARAFFENLAND USA

Die starke Nachfrage in Übersee bewahrt die deutsche Automobilindustrie in diesem Jahr vor dem Ärgsten. Während sich die Verbraucher in vielen europäischen Staaten mit hoher Arbeitslosigkeit keine Neuwagen leisten können und der gesättigte deutsche Markt ebenfalls schrumpft, läuft es für die deutschen Premiumhersteller besonders in den USA und in Asien rund. Vor diesem Hintergrund mahnte der VDA abermals den Abbau von Handelshemmnissen an. Deutschland und die EU sollten Abkommen vor allem mit Ländern anstreben, die für wirtschaftliches Wachstum und große Zukunftsmärkte stünden. Noch sei es eine Vision, aber ein gemeinsamer Markt von EU und den USA würde einem Anteil von 40 Prozent am Weltmarkt für Personenwagen und leichte Nutzfahrzeuge entsprechen. Dabei komme es der deutschen Automobilindustrie vor allem darauf an, technische Standards und Vorgaben zu vereinheitlichen.

In den USA wuchsen die deutschen Vorzeigemarken BMW, Daimler und VW/Porsche im November deutlich stärker als ihre örtlichen Konkurrenten GM und Ford. Unter den drei US-Herstellern steigerte sich lediglich die von Fiat kontrollierte Marke Chrysler kräftig. Auch die japanischen Autobauer - allen voran Weltmarktführer Toyota - verbesserten sich, nachdem sie im vergangenen Jahr noch unter den Folgen der Erdbebenkatastrophe in ihrer Heimat für ihr weltweit eng geknüpftes Produktionsnetz zu leiden hatten. Hyundai bekam dagegen die Zurückhaltung der Kunden zu spüren, nachdem Unregelmäßigkeiten bei Verbrauchsangaben von Fahrzeugen der koreanischen Marke bekannt geworden waren.

Auch in China waren die Nobelkarossen von BMW, Daimler und der VW-Tochter Audi zuletzt gefragt. Dadurch können die deutschen Premiumhersteller die Absatzflaute auf ihrem Heimatkontinent wettmachen, während die Konkurrenz von Opel und Peugeot über Werksschließungen diskutiert, weil sie auf Europa beschränkt ist. Ford hat bereits angekündigt, in den nächsten Jahren in Westeuropa drei Werke mit insgesamt 5700 Beschäftigten zu schließen.

Die Krise in der Eurozone wird im nächsten Jahr andauern - davon geht der Verband der Automobilindustrie (VDA) aus: "Der Gegenwind nimmt zu. Eines ist gewiss - das Jahr 2013 wird uns fordern, es wird ein hartes Arbeitsjahr", sagte VDA-Chef Wissmann. Seine Prognose für 2013 fällt denn auch verhalten aus: Der VDA rechnet mit einem Rückgang der Neuzulassungen in Deutschland auf rund drei Millionen nach 3,1 Millionen Fahrzeugen, die in diesem Jahr erwartet werden. Die Inlandsproduktion werde im nächsten Jahr dank des Exports nach Übersee voraussichtlich geringfügig zulegen.

 
The dashboard, steering wheel and the navigation system are pictured inside the new Volkswagen Golf model during the launch ceremony in Berlin September 4, 2012. REUTERS/Fabrizio Bensch (GERMANY - Tags: TRANSPORT BUSINESS)