Euro-Krise kommt bei Lebensversicherungen an

Mittwoch, 5. Dezember 2012, 16:29 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Die Allianz lässt Millionen von Lebensversicherungs-Kunden bluten: Der Marktführer kürzt die Überschussbeteiligung stärker als erwartet und gibt der Branche damit die Richtung vor.

Die laufende Gesamtverzinsung werde für das kommende Jahr auf 3,6 (2012: 4,0) Prozent reduziert, teilte die Allianz Deutschland AG am Mittwoch mit. Die Deutschen bekommen damit bei einer ihrer beliebtesten Geldanlagen verstärkt die Euro-Staatsschuldenkrise zu spüren. Weil sichere Anlagen wie Bundesanleihen und Pfandbriefe kaum mehr Rendite abwerfen, wird es für die Lebensversicherer immer schwieriger, die versprochenen Erträge zu erwirtschaften.

Allianz-Leben-Chef Markus Faulhaber betonte, man müsse "in der neuen Normalität nach der Finanzkrise akzeptieren, dass die in der Vergangenheit erzielten Renditen nicht als Maßstab für künftige Zinserträge gelten können". Experten hatten bislang im Branchendurchschnitt nur einen Rückgang um bis zu 0,3 Prozentpunkte auf 3,6 bis 3,7 Prozent erwartet - und die Allianz gilt als einer der finanzkräftigten Anbieter. Viele Versicherer warten, wie sie sich entscheidet. Nun könnten sich auch andere ermutigt fühlen, die Zinsen stärker kappen. In den Vorjahren hatte der Branchenprimus den Zins jeweils nur leicht gesenkt. Doch seit 2008 ist die Gesamtverzinsung bei der Allianz Leben - einschließlich des Schlussüberschusses - von 5,4 auf 4,2 Prozent zurückgegangen.

"Die Zinsentwicklung bei Pfandbriefen ist in diesem Jahr vehementer ausgefallen, als man sich das vorstellen konnte", begründete Allianz-Leben-Vorstand Alf Neumann den überraschend großen Schritt. "Pfandbriefe spielen in unserem Anlageportfolio mit rund 35 Prozent noch immer eine wichtige Rolle", sagte der für Privatkunden zuständige Manager der Nachrichtenagentur Reuters. Sie würfen ein Prozent weniger ab als vor Jahresfrist. Die Allianz Leben versuche verstärkt mit Unternehmensanleihen, Papieren aus den Schwellenländern und der Finanzierung von Infrastruktur-Projekten höhere Renditen zu erwirtschaften.

ANDERE KÜRZEN NOCH STÄRKER

Die Ergo Leben (ehemals Hamburg-Mannheimer), die Nummer sechs unter den rund 100 deutschen Lebensversicherern, hatte die Gesamtverzinsung sogar um 0,6 Prozentpunkte auf 3,2 Prozent gesenkt. Allianz-Leben-Vorstand Neumann sagte: "Ich denke nicht, dass unsere Überschussbeteiligung aus dem Rahmen fallen wird."

Die Ratingagentur Standard & Poor's hatte vor einigen Wochen nur einen Rückgang der Zinsen um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte vorausgesagt. S&P-Analystin Silke Longoni hatte aber vor allem schwächere Versicherer gewarnt, nicht zu großzügig auszuschütten. "Negative Ratingmaßnahmen sind (...) denkbar bei Lebensversicherern, deren Überschussbeteiligung im Vergleich zu ihren finanziellen Mitteln und ihrer Anfälligkeit für ein Niedrigzinsniveau vergleichsweise hoch angesetzt sind", schrieb S&P in der Analyse. Bei der Allianz habe das aber keine Rolle gespielt, sagte Neumann: "Unser Leitbild ist das, was wir für die Kunden erwirtschaften können."

Auch nach der Senkung kann die Allianz Leben anders als viele Konkurrenten alle Versicherten gleich behandeln. Denn in vielen in den 1990er Jahren abgeschlossenen Verträgen hatte die Branche noch 4,0 Prozent garantiert. Mit insgesamt 4,2 Prozent einschließlich Schlussüberschuss liegt die Allianz Leben bei allen Policen immer noch darüber. Im Schnitt liegt der Garantiezins im Allianz-Versicherungsbestand bei 3,1 Prozent. Während der Garantiezins für die ganze Vertragslaufzeit gilt, wird die Überschussbeteiligung jährlich neu festgesetzt. Beide zusammen ergeben die Gesamtverzinsung. Dazu kommen der Schlussüberschuss, der am Ende der Laufzeit oder bei Kündigung gutgeschrieben wird. Zudem müssen die Versicherer die Kunden an den Bewertungsreserven beteiligen.

KEINE REVOLUTION

Die Rendite von Lebensversicherungen ist immer noch höher als bei vielen reinen Geldanlageprodukten. Sie bezieht sich aber lediglich auf den Sparanteil, der rund 80 Prozent der Beiträge ausmacht. Denn der Versicherer muss auch dafür vorsorgen, dass der Versicherte vorzeitig stirbt und die Police ausgezahlt werden muss. Trotzdem verliert die Lebensversicherung mit den sinkenden Zinsen an Attraktivität. Die Konzerns arbeiten daher an neuen Produkten etwa mit zeitlich befristeteten garantierten Zinsen. "Da wird keine Revolution ausbrechen, aber zurzeit sind alle Anbieter dabei, ihre Lebensversicherungs-Produkte zu überprüfen", sagte Neumann. "Die Kunden suchen nicht nur nach Rendite, sondern auch nach Sicherheit."

 
German insurer Allianz flags are seen in front of Munich's radio tower 'Olympiaturm' before the company's annual shareholders' meeting in Munich May 5, 2010. REUTERS/Michaela Rehle (GERMANY - Tags: BUSINESS)