Thyssen-Personaldebatte erfasst Aufsichtsratschef Cromme

Freitag, 7. Dezember 2012, 16:49 Uhr
 

Düsseldorf (Reuters) - Nach dem Rauswurf von drei Vorständen entbrennt im Aufsichtsrat von ThyssenKrupp eine Debatte um die Zukunft von Chefkontrolleur Gerhard Cromme.

Als langjähriger Aufsichtsratsvorsitzender trage Cromme eine Mitverantwortung für die gravierenden Fehlentwicklungen im Konzern, der von Kartellabsprachen, Korruption, Bestechung und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit angeblichen Luxusreisen eines Vorstands gebeutelt wird, berichtete die "Süddeutsche Zeitung" am Freitag. Einige Aufsichtsräte der Kapitalseite drängten den seit 2001 amtierenden Cromme daher dazu, Platz zu machen für eine Person, die nicht von der Vergangenheit des Mischkonzerns belastet sei. Es müsse einen "Neuanfang" geben, zitierte das Blatt einen der Aufsichtsräte. Ein Konzernsprecher wollte dies nicht kommentieren. Im Arbeitnehmerlager wurde Unterstützung für Cromme laut.

Das Kontrollgremium kommt am Montag zu einer mit Spannung erwarteten Sitzung zusammen. Die Aufsichtsräte müssen dann auch über die Jahresbilanz 2011/12 beraten, die Analysten zufolge hohe Verluste aufweisen wird.

Auch Aktionärsvertreter hatten bereits Konsequenzen gefordert. "Es muss eine neue Unternehmenskultur geben", hatte der Geschäftführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer, Reuters gesagt. Für Kartellabsprachen, Korruption und Bestechung dürfe es keinen Platz im Konzern geben. Zudem müsse geprüft werden, ob der Aufsichtsrat unter der Führung von Cromme seinen Kontrollpflichten nachgekommen sei. Auch das Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), Daniel Bauer, sagte, es müsse gefragt werden, ob der Aufsichtsrat Risiken aus Stahlwerksprojekten in Übersee ausreichend geprüft habe.

ARBEITNEHMERVERTRETER VERTEIDIGT CROMME

In Arbeitnehmerkreisen wird Cromme hingegen verteidigt. Dieser habe mit der Entscheidung vom Mittwoch das Heft des Handelns in die Hand genommen, wodurch seine Position gestärkt sei, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath gesagt. Für die Kostenexplosion bei den Übersee-Stahlwerken sei in erster Linie der frühere Vorstand unter der Führung von Ex-ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz mitverantwortlich. Ein wesentlicher Grund für die Fehlentwicklung bei den Projekten sei gewesen, dass sich eine Reihe der vom damaligen Vorstand zugrunde gelegten Annahmen und Kennzahlen als deutlich zu optimistisch oder im Nachhinein als falsch erwiesen hätten. "Das war schon ein Management-Fehler." Der Konzern habe in der jüngsten Zeit mehr als genug Negativ-Schlagzeilen produziert. Nun gehe es darum, sich auf die eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren - Arbeitsplätze und Standorte zu sichern.

Der Personalausschuss des Aufsichtsrats hatte am Mittwochabend mit der Entlassung der Vorstände Olaf Berlien, Edwin Eichler und Jürgen Claassen Konsequenzen aus der Serie von Unregelmäßigkeiten gezogen. Claassen galt als enger Vertrauter Crommes. Berlien und Eichler galten als Kronprinzen des früheren Vorstandschefs Ekkehard Schulz. Dieser steht wegen der Milliardenverluste bei den neuen Stahlwerken in Brasilien und den USA in der Kritik. Die Verluste werden auch bei der anstehenden Aufsichtsratssitzung eine Rolle spielen - ebenso wie dei Vorstandspersonalien. Die "Rheinische Post" berichtete, Konzernchef Heinrich Hiesinger wolle den Vorstand nun verkleinern. Er wolle die bislang von Berlien und Eichler bekleideten Posten für Stahl und Technologie streichen. Hiesinger wolle damit die Führung des Konzerns straffen. Ein ThyssenKrupp-Sprecher wollte sich nicht zu dem Bericht äußern.

Bei der Sitzung des Kontrollgremiums am Montag steht auch der Abschluss des Geschäftsjahres 2011/12 (per Ende September) auf der Tagesordnung, der am Dienstag in Essen vorgestellt wird. Analysten erwarten für das Geschäftsjahr im Mittel einen Konzernverlust von knapp einer Milliarde Euro. Die Prognose enthält aber keine möglichen Abschreibungen auf die umstrittenen US-Stahlwerke. Konzernchef Hiesinger sucht händeringend nach Käufern für die beiden Werke, deren Baukosten nach Pleiten, Pech und Pannen auf zwölf Milliarden Euro explodiert waren. Hiesinger will mindestens den Buchwert von sieben Milliarden Euro kassieren. Analysten haben den Wert auf nur drei bis vier Milliarden Euro beziffert. Offen ist, ob Hiesinger diesen Preis erzielen kann.