ThyssenKrupp-Chef will nach Rekordverlust aufräumen

Dienstag, 11. Dezember 2012, 10:46 Uhr
 

Essen (Reuters) - Nach fünf Milliarden Euro Verlust, Korruptionsvorwürfen und dem Rauswurf des halben Vorstands rechnet der neue ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger mit dem früheren Management des Stahlriesens ab:

"Ich werde hier nichts beschönigen, denn es ist offensichtlich, dass in der Vergangenheit sehr viel schiefgelaufen ist", sagte der Manager am Dienstag auf der Bilanzpressekonferenz in Essen. Es habe bisher ein Führungsverständnis gegeben, in dem Seilschaften und blinde Loyalität oft wichtiger gewesen seien als unternehmerischer Erfolg. Fehlentwicklungen seien lieber verschwiegen als korrigiert worden. "Und es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten", fügte der Vorstandschef hinzu.

Der Traditionskonzern steckt in der größten Krise seit der Fusion von Thyssen und Krupp 1999. Für das vorige Geschäftsjahr 2011/12 (per Ende September) gab ThyssenKrupp am Montagabend einen Verlust von fünf Milliarden Euro bekannt - der mit Abstand höchste Fehlbetrag in der Firmengeschichte. Zudem kommen auf den Konzern ein Prozess wegen illegaler Kartellabsprachen und Schadenersatzforderungen in dreistelliger Millionenhöhe zu. Der Aufsichtsrat bestätigte die vorzeitige Trennung von den Vorständen Olaf Berlien, Edwin Eichler und Jürgen Claassen. Damit habe man ein klares Zeichen für einen Neuanfang gesetzt, sagte Hiesinger. "Wir etablieren konsequent eine neue Führungskultur, die auf Ehrlichkeit, Transparenz und Leistungsorientierung basiert." ThyssenKrupp habe bei Kunden, Aktionären und den Mitarbeitern viel Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren. "Beides müssen wir uns zurückverdienen."

Hiesinger setzt aber nicht nur auf ein besseres Image - der Manager will in den nächsten drei Jahren zwei Milliarden Euro einsparen und schließt auch den Abbau von Arbeitsplätzen nicht aus.

KRITIK AUCH AM AUFSICHTSRAT

An der Börse kamen die markigen Worte des früheren Siemens-Managers offenbar gut an: Nachdem die im Dax notierten ThyssenKrupp-Aktien mit einem Minus von fast drei Prozent in den Handel gestartet waren, drehten sie im weiteren Verlauf ins Plus. Mit "Phantasie auf bessere Zeiten" begründete ein Händler die Entwicklung. Eine Dividende sollen die Aktionäre für 2011/12 allerdings nicht erhalten. Auch der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) hofft auf eine Trendwende: "Ich habe es sehr begrüßt, dass damit aufgeräumt wird, damit man wieder Schlagzeilen mit den in der Realität guten Produkten machen kann", sagte er in einem Radio-Interview mit dem Bayerischen Rundfunk.

Manchen gingen die Personalveränderungen aber nicht weit genug. "Bislang ist der Neuanfang offenbar auf den Vorstand beschränkt. Dabei braucht das Unternehmen einen tiefgreifenden Kulturwandel. Ohne eine offene Diskussion auch über die Rolle von Aufsichtsratschef Gerhard Cromme wird das nicht funktionieren", erklärte Thomas Hechtfischer, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Wenn ThyssenKrupp nicht die notwendige Transparenz schaffe, werde die DSW Vorstand und Aufsichtsrat auf der nächsten Hauptversammlung nicht entlasten.

Vor allem Managementfehler bei der Expansion in Übersee belasten ThyssenKrupp. Auf die zwei neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA schrieb ThyssenKrupp weitere 3,6 Milliarden Euro ab. Die Kosten für den Bau waren auf zwölf Milliarden Euro in die Höhe geschossen - der Börsenwert des gesamten Konzerns liegt inzwischen nur noch bei 8,3 Milliarden Euro. Bereits im Geschäftsjahr 2010/11 hatte ThyssenKrupp rund zwei Milliarden Euro auf die beiden Stahlwerke abgeschrieben, nun sollen sie verkauft werden. Es gebe "mehr als eine handvoll Interessenten", sagte Finanzvorstand Guido Kerkhoff.

Auch in Europa sieht es nicht gerade rosig aus: Das europäische Stahlgeschäft werde im ersten Quartal 2012/13 gegenüber den drei Monaten zuvor niedrigere Durchschnittserlöse erzielen, sagte Kerkhoff. Die sinkenden Rohstoffkosten könnten dies nicht ausgleichen. Der Konzern gehe aber im europäischen Stahlgeschäft dennoch von einem positiven bereinigten Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) aus.

 
The headquarters of Germany's industrial conglomerate ThyssenKrupp AG is pictured before its annual news conference in Essen December 11, 2012. ThyssenKrupp AG, Germany's top steelmaker, posted a massive 4.7 billion euro ($6.1 billion) net loss for the year as it took a painful write-down on steel mills in the United States and Brazil that it is trying to sell. REUTERS/Ina Fassbender (GERMANY - Tags: BUSINESS INDUSTRIAL COMMODITIES LOGO)