Von wegen Kulturwandel - Empörung über Deutsche Bank

Montag, 17. Dezember 2012, 16:00 Uhr
 

Frankfurt/Berlin (Reuters) - Die Politik nimmt der Deutschen Bank den groß angekündigten Kulturwandel nicht ab. Im Gegenteil:

Nachdem sich Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen bei Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier über die Großrazzia in der Frankfurter Zentrale beschwert hat, schlagen die Wellen hoch. "Niemand steht in Deutschland über dem Rechtsstaat", sagte Unionsfraktions-Vizechef Michael Meister dem "Handelsblatt". "Herr Fitschen macht den Eindruck, dass er das nicht verstanden hat." Auch der stellvertretende SPD-Fraktionschef Joachim Poß schimpfte: "Die Banken schreien geradezu jeden Tag mit ihrem Verhalten nach einer strikteren Regulierung." Er sei fassungslos, wie oft die Deutsche Bank ins Gerede komme. "Das steht in einem starken Kontrast zu ihrer öffentlichen Selbstdarstellung", sagte er Reuters.

Fitschen hatte die Führung von Deutschlands größtem Geldhaus im Juni gemeinsam mit dem langjährigen Investmentbanking-Chef Anshu Jain übernommen. Zusammen mit dem neuen Aufsichtsrats-Chef Paul Achleitner haben sie versprochen, es werde keine windigen Geschäfte mehr geben. Doch das Haus muss noch eine ganze Reihe von Skandalen aus der Vergangenheit aufarbeiten, die sehr teuer werden könnten: Hypothekenklagen in den USA gehören ebenso dazu wie die Verstrickung in die Manipulation von Referenz-Zinssätzen und Steuerbetrug beim Handel mit CO2-Zertifikaten.

Experten haben deshalb Zweifel, ob mit den zwei Managern, die schon länger mit am Ruder sind, der Neustart der Bank gelingen kann. "Fitschen und Jain stehen nicht für einen Neubeginn ohne Hypothek", gibt Banken-Professor Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim in Stuttgart zu bedenken. Weil viele Skandale auf das Investmentbanking zurückgehen, dürfte es nach seiner Einschätzung gerade Jain schwerfallen, Vertrauen zurückzugewinnen. "Es war die Investmentbanker-Kultur, die die Kundenbeziehungen kaputt gemacht hat."

STAATSKANZLEI GEHT AUF DISTANZ

Wegen der CO2-Affäre waren am vergangenen Mittwoch rund 500 bewaffnete Polizisten sowie Steuerfahnder am Hauptsitz der Deutschen Bank eingerückt. Daraufhin griff Fitschen zum Telefon, um sich bei Hessens Landeschef Bouffier über die verheerende Außenwirkung zu beschweren, wie beide Seiten bestätigten. Die Staatskanzlei in Wiesbaden zeigte sich erstaunt vom Anruf Fitschens und betonte am Montag auf Nachfrage: "Die Ermittlungen sind Sache der zuständigen Behörden." Weitere Gespräche zwischen Fitschen und Bouffier seien zu dem Thema nicht angesetzt.

Der finanzpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion in Berlin, Gerhard Schick, bezweifelt indes, dass die Verbindungen zwischen der Deutschen Bank und der hessischen Landesregierung gekappt sind. "Herr Fitschen hatte wohl Grund zu der Annahme, dass die alte Verbindung zur hessischen Landesregierung wie gewohnt funktioniert", sagte Schick zu Reuters. Niemand solle so naiv sein zu glauben, dass es seit der Finanzkrise keinen besonderen Draht mehr zwischen Großbanken und Regierungen gebe. "Wir brauchen den Kulturwandel deshalb nicht nur in der Deutschen Bank, sondern auch in der deutschen Politik, vor allem auch in Hessen."

FITSCHEN WIRBT BEI MITARBEITERN UM VERTRAUEN

Die Deutsche Bank hüllte sich am Montag in Schweigen. Fitschen hatte in der vergangenen Woche bereits in zwei Interviews erklärt, dass er den Polizei-Einsatz für überzogen hält. Vier Mitarbeiter der Bank sitzen weiter in Untersuchungshaft. Wie lange das so bleibt, ist derzeit offen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dürften Monate dauern.

Schwer wiegt, dass neben Finanzvorstand Stefan Krause auch Fitschen selbst zu den 25 Mitarbeitern der Deutschen Bank gehört, gegen die in der Affäre ermittelt wird. Denn im neuen Führungsduo ist Fitschen die Rolle des "Außenministers" bei der Deutschen Bank zugedacht, der eigentlich enge Drähte in die Politik pflegen soll - eine Funktion, die sich noch festigen sollte, wenn er im Frühjahr den Chefposten beim Bankenverband BdB übernimmt, den obersten Lobby-Job der Finanzbranche in Deutschland. Doch nun sind tiefe Gräben zwischen Bank und Politik aufgebrochen.

Intern bemüht sich Fitschen um Schadensbegrenzung: Er trommelte die Mitarbeiter in Frankfurt am vergangenen Freitag zu einem Treffen zusammen, wie zwei Insider berichteten. Der Co-Vorstandschef habe versucht, "ein Signal nach innen" zu senden, um die Belegschaft zusammenzuhalten. Man könne nach wie vor stolz sein, für die Deutsche Bank zu arbeiten, habe Fitschen erklärt.

 
Police officers stand inside the lobby of the headquarters of Germany's largest business bank, Deutsche Bank AG in Frankfurt December 12, 2012. Deutsche Bank on Wednesday said its Frankfurt offices were being searched by prosecutors probing a tax evasion scheme involving the trading of carbon permits. The prosecutor said the probe related to severe tax evasion, money laundering and obstruction of justice, with the investigation targeting 25 employees of the bank. Deutsche Bank said it was cooperating fully with the authorities. REUTERS/Kai Pfaffenbach (GERMANY - Tags: BUSINESS CRIME LAW)