Druck zeigt Wirkung - Japan vor Öffnung des Geldhahns

Dienstag, 18. Dezember 2012, 17:11 Uhr
 

Tokio (Reuters) - Unter dem Druck der Politik geht Japans Notenbank im Kampf gegen die Krise wohl noch diese Woche in die Offensive.

Nach dem Wahlsieg der auf eine aggressive Geldpolitik dringenden Konservativen werden die Geldschleusen wahrscheinlich am Donnerstag weiter geöffnet, wie Reuters am Dienstag aus gut unterrichteten Kreisen erfuhr. Zudem erwäge die Notenbank, spätestens im Januar ein Inflationsziel von zwei Prozent festzusetzen - so wie es dem angehenden Ministerpräsidenten Shinzo Abe vorschwebt. Der Konservative hatte im Wahlkampf für eine lockere Geldpolitik und Konjunkturprogramme geworben, um Japan aus der Spirale von Wirtschaftsflaute und Deflation zu befreien. Manche Experten erwarten, dass die Notenbank die Geldschleusen nächstes Jahr dann sperrangelweit öffnen wird.

"2013 könnte das große Jahr der geldpolitischen Lockerung werden", prophezeit Ökonom Norio Miyagawa von Mizuho Securities in Tokio. Abe nutzte bereits vor der Amtsübernahme die Gelegenheit, Notenbankchef Masaaki Shirakawa seine Vorstellungen deutlich zu machen - pikanterweise bei einem Treffen in der Parteizentrale der konservativen LDP. Shirakawa habe seinen Ausführungen "nur zugehört", sagte Abe auf die Frage, wie der Notenbankchef reagiert habe. Laut Shirakawa ging es bei dem Gespräch indes nicht um Geldpolitik. Mit seinem Besuch in der LDP-Zentrale habe er dem designierten Ministerpräsidenten lediglich seine Reverenz erweisen wollen.

UNABHÄNGIGKEIT DER NOTENBANK HÄNGT AM SEIDENEN FADEN

Doch dem Notenbankchef dürften die schrillen Wahlkampftöne Abes nicht entgangen sein, wonach er die noch junge Unabhängigkeit der Notenbank notfalls beschneiden will. Die Bank of Japan (BoJ) steht nun vor der Gratwanderung, einen nach außen möglichst autonom erscheinenden Kurs zu fahren und zugleich den Vorstellungen des künftigen Regierungschefs Rechnung zu tragen.

Abe wird sein neues Kabinett am 26. Dezember vorstellen. Dabei wird sich mit Taro Aso Medienberichten zufolge im Finanzressort auch ein früherer Ministerpräsident wiederfinden. Der 72-Jährige ist Teil der alten Garde der LDP, die in großen Konjunkturprogrammen und einer lockeren Geldpolitik das Allheilmittel gegen die Krise sieht. Doch nicht nur Ratingagenturen sehen diese Politik kritisch, mit der Japan in den vergangenen Jahrzehnten den weltweit höchsten Schuldenberg angehäuft hat. Er ist mittlerweile fast doppelt so groß wie die Wirtschaftsleistung und droht das mit Bevölkerungsschwund kämpfende Land langfristig arg in die Bredouille zu bringen.

EXPORT-INDUSTRIE HOFFT AUF YEN-ABWERTUNG

Ökonomen gehen davon aus, dass Abes Politik der tiefen Taschen mittelfristig zu einer Abwertung des Yen führen wird, was insbesondere die exportabhängige Industrie sehnsüchtig erwartet. Firmen wie Panasonic und Sharp, die den rasanten Wandel in der Unterhaltungselektronik verschlafen haben und unter starker Konkurrenz aus Südkorea leiden, könnten ebenso von einer schwächeren Landeswährung profitieren wie der Autoriese Toyota. Doch dort dürfte man Abes Ankündigung mit gemischten Gefühlen sehen, im Insel-Streit mit China standhaft zu bleiben. Bereits jetzt drückt der Disput kräftig auf den Absatz. Seit Monaten boykottieren Chinesen japanische Marken quer durch alle Branchen. Hintergrund ist, dass Japan und die Volksrepublik um die Hoheit über eine unbewohnte Inselgruppe im Südchinesischen Meer rangeln.

FREIZÜGIGES GELDDRUCKEN BIRGT RISIKEN

Die Notenbank hat zurzeit ein Inflationsziel von einem Prozent. Sie hat sich aber offen dafür gezeigt, diese Marke bei Bedarf zu erhöhen. Die Währungshüter treffen sich am Mittwoch und Donnerstag, um über die Geldpolitik zu beraten. Bereits in der vergangenen Woche hieß es aus Kreisen, dass die BoJ zum Lockern ihrer Geldpolitik bereit sei. Erst im Oktober beschloss sie, ein Programm zum Ankauf von Anleihen und zur Vergabe von Krediten um umgerechnet 107 Milliarden Euro auf 884 Milliarden Euro auszuweiten. Das Programm könnte nun um rund 90 Milliarden Euro aufgestockt werden.

Doch die Politik des freizügigen Gelddruckens ist für die Notenbank nicht ohne Risiko. Langfristig könnte zu viel Liquidität im Finanzsystem für Blasen sorgen - etwa am Immobilienmarkt. Japan gilt hierbei als gebranntes Kind: Ende der 80er Jahre platzte eine Immobilien- und Aktienmarktblase, von der sich das Land bis heute nicht mehr erholt hat.

 
Japan's conservative Liberal Democratic Party's (LDP) leader and next Prime Minister Shinzo Abe speaks to the media at the Parliament in Tokyo December 18, 2012. Abe said on Tuesday that he has asked Bank of Japan Governor Masaaki Shirakawa to consider establishing a 2 percent inflation goal. REUTERS/Toru Hanai (JAPAN - Tags: BUSINESS POLITICS PROFILE)