Neuer Anlauf für Mega-Fusion von US-Börsen ICE/Nyse

Donnerstag, 20. Dezember 2012, 12:15 Uhr
 

New York (Reuters) - Die Hochzeit mit der Deutschen Börse fiel aus, jetzt buhlt ein einheimischer Rivale um die New Yorker Nyse Euronext:

Die auf Derivatehandel spezialisierte IntercontinentalExchange (ICE) habe ein Auge auf die Nyse geworfen, beide Börsenbetreiber verhandelten miteinander, sagte eine mit der Sache vertraute Person am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Die auf rund acht Milliarden Dollar geschätzte Offerte könne schon in Kürze offiziell werden. Damit käme das zuletzt zum Stillstand gekommene Fusionskarussell wieder in Schwung. Gleich mehrere Konsolidierungsanläufe der Branche waren in den vergangenen Jahren wegen der strengen Wettbewerbshüter spektakulär ins Leere gelaufen.

Entsprechend gut kamen die Nachrichten bei Anlegern an: Im nachbörslichen Handel legten Nyse-Aktien zwölf Prozent zu, ICE-Papiere gewannen drei Prozent. Zum Handelsschluss am Mittwoch hatte die Nyse einen Marktwert von 5,8 Milliarden Dollar.

Die ursprünglich von der Deutschen Börse angeschobene Mega-Fusion mit der Nyse war im Februar am Veto der EU-Kommission gescheitert. Sie befürchtete ein Monopol im Börsenhandel mit europäischen Finanzderivaten. Die Deutsche Börse hat nach dem Rückschlag die Lust auf große Übernahmen verloren und will sich stattdessen auf internationale Partnerschaften und Kooperationen fokussieren, wie Vorstandschef Reto Francioni im Frühjahr angekündigt hatte. In Unternehmenskreisen hieß es nun, dabei bleibe es auch. Ein Durchkreuzen der Fusionspläne von ICE und Nyse stehe nicht auf der Agenda.

Dennoch konnte am Donnerstag auch die Deutsche-Börse-Aktie profitieren: Sie legte bis zum Mittag über ein Prozent zu und war damit einer der größten Gewinner im Dax.

DERIVATE PLUS AKTIEN

Die Nyse macht den Großteil ihres Geschäfts im US-Aktienhandel, wo die Margen zunehmend unter Druck geraten, weil das Handelsvolumen sinkt. Die erst im Jahr 2000 von Banken und Energiefirmen gegründete ICE dagegen, spezialisiert auf den Handel von Optionen und Futures, ist hochprofitabel und seit Jahren auf Wachstumskurs. Die Übernahme der Nyse wäre für sie eine gute Möglichkeit, zur Konkurrentin CME aufzuschließen. Dabei würde die Londoner Nyse-Tochter Liffe eine große Rolle spielen. Die Deutsche-Börse-Sparte Eurex und die Liffe kontrollieren rund 90 Prozent des Derivate-Geschäfts an europäischen Börsen.

Die ICE und Nyse äußerten sich zu den Informationen nicht. Über die Fusionspläne hatte zuerst das "Wall Street Journal" berichtet. Nach Informationen des Fernsehsenders CNBC ist die ICE bereit, die Nyse mit 33 Dollar je Aktie zu bewerten. Dies entspräche einem Aufschlag von 37 Prozent auf den Schlusspreis von Mittwoch. Die ICE wolle den Kauf zu einem Drittel aus Barmitteln und zu zwei Dritteln mit Aktien bezahlen.

Branchenkenner gehen davon aus, dass der Deal gute Chancen hat, grünes Licht von den Aufsichtsbehörden zu bekommen. Denn anders als vor fast zwei Jahren, als ICE die Nyse im Schulterschluss mit der Nasdaq für elf Milliarden Dollar übernehmen wollte, ist die Marktkonzentration nicht ganz so groß. Die US-Behörden hatten damals befürchtet, dass fast alle US-Aktien unter einem Dach gehandelt würden. Das wäre jetzt kein Thema. "Ich kann auf den ersten Blick nichts an Überlappungen erkennen, was kartellrechtlich Probleme machen sollte", schrieb UBS-Analyst Alex Kramm in einem Kurzkommentar.

 
The U.S. flag waves in the breeze above one of the entrances to the New York Stock Exchange, November 19, 2012. REUTERS/Chip East (UNITED STATES - Tags: BUSINESS)