Ägypter stimmen endgültig über umstrittene Verfassung ab

Samstag, 22. Dezember 2012, 16:21 Uhr
 

Kairo (Reuters) - In der zweiten Runde des Verfassungsreferendums hat am Samstag die ägyptische Landbevölkerung über das künftige Grundgesetz abgestimmt.

Wegen des großen Andrangs an vielen Wahllokalen wurde die Abstimmung um vier Stunden bis 22.00 Uhr MEZ verlängert. Umfragen sagen eine Mehrheit für den umstrittenen islamistisch geprägten Entwurf voraus. Während Unterstützer von Präsident Mohammed Mursi die Verfassung als Basis für den Aufbau einer Demokratie bezeichnen, befürchten Gegner ein Auseinanderbrechen des tief gespaltenen nordafrikanischen Landes und wehren sich gegen das Regelwerk. Vor dem Referendum war es immer wieder zu Zusammenstößen gekommen. Am Freitag bewarfen sich Gegner und Anhänger Mursis in Alexandria mit Steinen, zwei Busse wurden in Brand gesetzt.

Die Wahllokale öffneten am Samstag pünktlich um 7.00 Uhr MEZ. Wie schon bei der ersten Abstimmung in den Großstädten vor einer Woche blieben sie auch auf dem Land wegen des großen Andrangs länger geöffnet. Erste Hochrechnungen wurden wenige Stunden nach Schließung der Wahllokale erwartet. Ein offizielles Endergebnis der Abstimmung wird aber wohl erst am Montag bekanntgegeben. Die Verabschiedung einer Verfassung ist die Vorraussetzung für Parlamentswahlen, mit denen in etwa zwei Monaten gerechnet wird.

Experten haben auf dem Lande eine deutlichere Zustimmung zur Verfassung vorhergesagt als in den Großstädten. Nach unbestätigten Angaben sagten damals 57 Prozent der Wähler Ja zum Verfassungstext. "Wir müssen Mursi unsere Hände reichen, um ihm zu ermöglichen, unser Land zu lenken", sagte der Buchführer Hisham Kamal. Wertpapierhändler Karim Nahas sieht das anders: "Ich stimme mit Nein, weil wir nicht nur von einer Gruppe geführt werden dürfen."

WAHLBEOBACHTER MELDEN UNREGELMÄSSIGKEITEN

Wahlbeobachter berichteten schon kurz nach Beginn der Abstimmung von Unregelmäßigkeiten. Einige Wahllokale hätten erst verspätet geöffnet, Islamisten hätten vor einigen Wahlstationen noch Wahlkampf gemacht, und bei der Wählerregistrierung habe es Unstimmigkeiten gegeben. So habe etwa ein Toter auf einer Wählerliste gestanden. Ähnliches war auch bei der ersten Runde beobachtet worden.

Die Richter hatten dem Referendum bereits einen heftigen Schlag versetzt. Weil sich viele weigerten, die Volksabstimmung zu überwachen, konnte die Wahl nicht an einem Tag abgehalten werden und musste auf zwei Runden aufgeteilt werden. Der Chef der Mursi nahestehenden Muslimbruderschaft, Mohammed Badie, gab sich dennoch zuversichtlich für die Zukunft: "Nach der Wahl einer Verfassung werden sich alle Ägypter in die gleiche Richtung bewegen", sagte er bei der Stimmabgabe in Beni Suef südlich von Kairo.

 
A woman casts her vote during the final stage of a referendum on Egypt's new constitution in Bani Sweif, about 115 km (71 miles) south of Cairo December 22, 2012. Egyptians voted on a constitution drafted by Islamists on Saturday in a second round of balloting expected to approve the charter that opponents say will create deeper turmoil in Egypt. REUTERS/Stringer (EGYPT - Tags: POLITICS ELECTIONS)