USA erwägen auch vollständigen Abzug aus Afghanistan

Mittwoch, 9. Januar 2013, 12:22 Uhr
 

Washington/Berlin (Reuters) - Die US-Regierung schließt einen Abzug aller US-Truppen aus Afghanistan nach dem Ende des Nato-Einsatzes 2014 nicht aus.

Das sei eine Option, die erwogen werde, sagte der stellvertretende Sicherheitsberater von Präsident Barack Obama, Ben Rhodes, am Dienstag kurz vor einem Besuch des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai. Es war die bisher deutlichste Aussage, dass Obama entgegen den Empfehlungen des Militärs sämtliche Soldaten abziehen könnte, wie dies bereits 2011 im Irak geschah. Das Militär hat der US-Regierung dagegen geraten, bis zu 15.000 Soldaten in Afghanistan zu lassen.

Das Bundesverteidigungsministerium reagierte zurückhaltend auf die Ankündigung. Die Bundesregierung habe zugesagt, dass die Bundeswehr sich auch nach 2014 in Afghanistan engagieren werde, sagte ein Sprecher des Ministeriums am Mittwoch in Berlin. Dies entspreche den Beschlüssen des Nato-Gipfels von Chicago. "Wir befinden uns in der Abstimmung mit unseren Partnern für die Zeit nach 2014", sagte der Sprecher.

Der Kampfeinsatz am Hindukusch soll nach den bisherigen Absprachen Ende 2014 beendet sein und dann in einen Einsatz zur Ausbildung der afghanischen Armee und Polizei übergehen, an dem sich auch die Bundeswehr beteiligen will. Ob sie auch nach einem vollständigen Abzug der US-Truppen dort bleiben würde, ist unklar. Die deutschen Truppen sind bisher unter anderem auf amerikanische Hubschrauber angewiesen. Auch einen Großteil der Kämpfe am Hindukusch stemmen die US-Soldaten. Üblicherweise gilt bei internationalen Einsätzen das Gebot, dass Verbündete sich gemeinsam auf eine Aufgabe einlassen und dann auch gemeinsam wieder abziehen.

Rhodes erklärte, bis zu einer Entscheidung über die US-Truppenstärke nach dem geplanten Ende des Kampfeinsatzes in Afghanistan Ende nächsten Jahres vergingen noch Monate. Sie hänge vor allem von den beiden wichtigsten US-Zielen in Afghanistan ab: Die Al-Kaida-Islamisten dürften dort keinen sicheren Unterschlupf mehr finden, und die Afghanen müssten selbst für ihre Sicherheit sorgen können.

Im Irak hatten die USA den Abzug sämtlicher Soldaten beschlossen, nachdem die Verhandlungen mit der irakischen Regierung über eine strafrechtliche Immunität zurückbleibender US-Soldaten gescheitert waren. Auch in Afghanistan beharrt Obama auf der Forderung nach einer Immunität der US-Truppen.

Der US-Oberbefehlshaber der internationalen Truppen in Afghanistan, John Allen, hatte sich zuletzt für einen Verbleib von 6000 bis 15.000 Soldaten ausgesprochen. Momentan sind 66.000 US-Soldaten dort stationiert. Obama will mit Karsai am Freitag in Washington über den Übergangsprozess und die Truppenstärke beraten. Thema dürften auch die Aussöhnungsbemühungen in Afghanistan und die Einbeziehung der radikal-islamischen Taliban-Rebellen sein. In der Region war immer wieder spekuliert worden, dass die USA nicht nur wegen Afghanistan selbst vor Ort bleiben wollten, sondern auch um ein Sprungbrett für Einsätze in den Nachbarstaaten Iran und Pakistan zu haben.

Der Afghanistan-Experte Jeffrey Dressler vom Institut für Kriegsstudien in Washington interpretierte die Äußerungen der US-Regierung als Mittel, um in den Verhandlungen Druck auf Karsai auszuüben. "Wenn Sie mich fragen, ist ein Abzug sämtlicher Truppen nicht im Interesse der Nationalen Sicherheit der USA", gab er zu bedenken.