USA erwägen vollständigen Abzug aus Afghanistan

Mittwoch, 9. Januar 2013, 19:03 Uhr
 

Washington/Berlin (Reuters) - Die US-Regierung schließt einen Abzug aller US-Truppen aus Afghanistan nach dem Ende des Nato-Einsatzes 2014 nicht aus.

Das sei eine Option, die erwogen werde, sagte der stellvertretende Sicherheitsberater von Präsident Barack Obama, Ben Rhodes, am Dienstag kurz vor einem Besuch des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai. Es war die bisher deutlichste Aussage, dass Obama entgegen den Empfehlungen des Militärs sämtliche Soldaten abziehen könnte, wie dies bereits 2011 im Irak geschah. Das Militär rät dagegen, bis zu 15.000 Soldaten in Afghanistan zu lassen. Afghanische Abgeordnete warnten vor einem Rückfall ihres Landes in Chaos und Bürgerkrieg. Die FDP-Politikerin Elke Hoff erklärte, ein kompletter Abzug der USA könne auch das Aus für den Bundeswehr-Einsatz bedeuten, da die deutschen Soldaten unter anderem auf die Unterstützung durch US-Hubschrauber angewiesen seien.

Bundesverteidigungsministerium und Auswärtiges Amt reagierten indes zurückhaltend auf die Ankündigung aus Washington. Es handle sich dabei um "Optionen fern jeder Realisierung", die da geäußert worden seien, sagte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Andreas Peschke. Die Beratungen über die Zeit nach 2014 liefen momentan, und es herrsche international große Übereinstimmung in der Absicht, die Afghanen nicht allein zu lassen. "Wir sollten einfach auf die Beschlusslage schauen", verwies auch der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Stefan Paris, auf die Versprechen des Nato-Gipfels von Chicago. Zur Frage, ob die Bundeswehr auch ohne die US-Truppen in Afghanistan bestehen könne, wollte er sich nicht äußern. "Die Frage ist mir zu hypothetisch", erklärte er.

Nach dem Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen 1989 war Afghanistan ins Chaos und in den Bürgerkrieg gestürzt. In den vergangenen Jahren hatte die internationale Gemeinschaft dem Land am Hindukusch immer wieder versprochen, dies nicht noch einmal geschehen zu lassen und einen Abzug verantwortungsvoll zu gestalten.

"Wenn die Amerikaner all ihre Truppen ohne Plan abziehen, werden wir erneut einen Bürgerkrieg wie in den 90er Jahren erleben", warnte der Abgeordnete Naim Lalai aus der umkämpften Provinz Kandahar, einer Hochburg der radikal-islamischen Taliban. "Es würden den Weg für einen militärischen Sieg der Taliban ebnen." Auch der Abgeordnete Mirwais Jasini zeigte sich skeptisch. "Es wäre eine Katastrophe, wenn die Amerikaner abziehen, ehe die afghanischen Sicherheitskräfte anständig ausgebildet und ausgerüstet sind", sagte er. Die Politikerin Schukria Bareksai sagte, mit einem vollständigen Abzug 2014 würden die USA ihre Niederlage eingestehen. Die Taliban, die für den Abzug der ausländischen Truppen kämpfen, wollten sich zunächst nicht äußern. Das Thema sei noch zu spekulativ, sagte ihr Sprecher Sabihullah Mudschahid.

Der Kampfeinsatz in Afghanistan soll nach den bisherigen Absprachen Ende 2014 beendet sein und dann in einen Einsatz zur Ausbildung der afghanischen Armee und Polizei übergehen, an dem sich auch die Bundeswehr beteiligen will.

Die FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff kann sich momentan nur zwei Erklärungen für das Vorpreschen der USA vorstellen. Entweder die USA wollten Druck auf Karsai machen, um endlich eine Einigung auf ein Stationierungsabkommen zu erreichen, sagte sie Reuters. Oder den USA fehle angesichts klammer Kassen schlicht das Geld zur Finanzierung einer weiteren Truppenpräsenz am Hindukusch. Für eine derartige Beendigung des längsten Nato-Einsatzes der Geschichte seien jedoch zu viele Soldaten der Verbündeten am Hindukusch gestorben: "Das sollte man so nicht machen", betonte Hoff.

Im Irak hatten die USA den Abzug sämtlicher Soldaten beschlossen, nachdem die Verhandlungen mit der irakischen Regierung über eine strafrechtliche Immunität zurückbleibender US-Soldaten gescheitert waren. Auch in Afghanistan beharrt Obama auf der Forderung nach einer Immunität der US-Truppen.

Der US-Oberbefehlshaber der internationalen Truppen in Afghanistan, John Allen, hatte sich zuletzt für einen Verbleib von 6000 bis 15.000 Soldaten ausgesprochen. Momentan sind 66.000 US-Soldaten dort stationiert. Obama will mit Karsai am Freitag in Washington über den Übergangsprozess und die Truppenstärke beraten. In der Region war immer wieder spekuliert worden, dass die USA nicht nur wegen Afghanistan selbst vor Ort bleiben wollten, sondern auch um ein Sprungbrett für Einsätze in den Nachbarstaaten Iran und Pakistan zu haben.

Der Afghanistan-Experte Jeffrey Dressler vom Institut für Kriegsstudien in Washington interpretierte die Äußerungen der US-Regierung als Mittel, um in den Verhandlungen Druck auf Karsai auszuüben. "Wenn Sie mich fragen, ist ein Abzug sämtlicher Truppen nicht im Interesse der Nationalen Sicherheit der USA", gab er zu bedenken.

 
U.S. troops arrive at the site of a suicide attack in Spin Boldak district of Kandahar province January 6, 2013. REUTERS/Ahmad Nadeem (AFGHANISTAN - Tags: CIVIL UNREST MILITARY)