INSIGHT-"Mission Mario" - Draghis EZB geht neue Wege

Donnerstag, 10. Januar 2013, 11:55 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Mario Draghi hat sonntags gerne frei. Und das gönnt er auch seinen Mitarbeitern. Auch jenen, von denen man qua Amt und Salär zumindest in Krisenzeiten verlangen könnte, dass sie eine Sieben-Tage-Wochen klaglos schlucken. Unter Draghis Vorgänger auf dem Chefessel der Europäischen Zentralbank (EZB) hatten dessen Top-Leute manchmal über Monate kein Wochenende. Jean-Claude Trichet kannte da kein Tabu und schonte auch sich selbst keine Sekunde. Mit Draghi zog im November 2011 nicht nur ein neuer Präsident bei der EZB ein, sondern auch ein völlig anderer Stil. Wenig erinnert noch an die Tage des französischen Arbeitstiers und Mikromanagers, der stets alles bis ins kleinste Detail wissen wollte und sich kaum eine ruhige Minute gönnte.

Unter Mario Draghi, nach Wim Duisenberg und Trichet seit etwas mehr als einem Jahr dritter Präsident der EZB, hat sich die krisenerprobte und wetterfeste Zentralbank im Inneren so stark verändert, wie es wegen der draußen tobenden Krisenstürme wenige für möglich gehalten hätten: stundenlange Sitzungen, in denen ein allwissender Chef mehr referiert als zuhört, gehören der Vergangenheit an. Auch das Direktorium, der sechsköpfige Vorstand, der die Zentralbank leitet und die Entscheidungen des EZB-Rats in Sachen Geldpolitik umsetzt, scheint gerade wegen Draghis Zurückhaltung eine Art Renaissance zu erleben; und das, obwohl das Top-Gremium mit dem überraschenden Rücktritt des deutschen Chefvolkswirts Jürgen Stark just zu Beginn der Ära Draghi in seine tiefste Krise gestürzt war.

UNERHÖRTES NEULAND

Draghi ist klar, was den Unterschied macht: "Ich vertraue den Menschen, mit denen ich arbeite. Ich delegiere. Und ich habe den Leuten hier gesagt, dass sie Entscheidungen treffen sollen." Für viele leitende Angestellte und langjährige Euro-Notenbanker sind diese Sätze unerhörtes Neuland, in das sie sich nolens volens vorwagen müssen, weil der Neue es so will. Waren sie bisher gewöhnt, alle Entscheidungen minutiös vorzubereiten und sich auf detaillierte Nachfragen "von oben" einzustellen, fordert Draghi von ihnen nun Problemlösungen, nicht mehr bloße Vorschläge. Einer von Trichets engsten Mitarbeitern, der auch noch unter Draghi arbeitete, bringt es auf den Punkt: "Trichet wollte alles wissen. Draghi will nur das Nötige wissen." Für das Personal bedeutet das mehr Freiheiten, aber zugleich steigt das Risiko, dass die Rädchen in der EZB - die in der Krise immer neue und immer mehr Aufgaben bekommt - nicht ganz reibungslos ineinander greifen.

Sicherstellen soll das wiederum ein starkes Führungssextett - das Direktorium: das hat Draghi nach seinen Vorstellungen neu zugeschnitten. Eine notwendige Übung, war der Führungszirkel der Zentralbank nach Starks schlagzeilenträchtigem Abgang und noch einigen turnusmäßigen Wechseln doch arg ramponiert. Der 65 Jahre alte Römer brach als allererstes, nachdem er auf dem Chefsessel im 35. Stock des Frankfurter Euro-Towers Platz genommen hatte, mit einer Tradition aus frühen EZB-Tagen: Er betraute nicht mehr einen Deutschen mit der Leitung der volkswirtschaftlichen Abteilung, sondern - unter dem lauten Aufschrei deutscher Medien und vieler Politiker - den Belgier Peter Praet, einen erfahrenen Zentralbanker.

Für seinen engsten deutschen Mitstreiter im Direktorium fand Draghi nicht den von den Deutschen aus Tradition reklamierten, sondern eben den perfekten Job. Ex-Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen, im Brüsseler Politikbetrieb und in den Hauptstädten Europas so gut verdrahtet wie kaum ein anderer, wurde Draghis "Außenminister". Auch für das neue französische Gesicht im EZB-Direktorium, den jungen, aber in Sachen der Finanzmärkte seit seiner Zeit beim französischen Pendant zur Bundesschuldenagentur mit allen Wassern gewaschenen Benoit Coeure, fand er die ideale Aufgabe: Er ist zuständig für die Versorgung des Finanzsystems mit dem Geld der Zentralbank. Last but not least werkeln mit Draghis Vize, dem Portugiesen Vitor Constancio, und dem Luxemburger Notenbank-Urgestein Yves Mersch zwei erfahrene Kämpen an Draghis neuem Großprojekt: die Aufsicht über Europas Banken unter das Dach der EZB zu holen.

ÜBERRASCHEND GUT

Es funktioniert - das geben sogar langjährige Mitglieder des EZB-Rats zu, denen vor nicht allzu langer Zeit selbst Chancen auf einen der prestigeträchtigen Direktoriumssitze nachgesagt worden waren: "Das neue Team ist überraschend gut. Draghi hat die Aufgaben sehr weise verteilt", urteilt etwa Finnlands Zentralbankgouverneur Erkki Liikanen, der einen Vergleich zur Zeit von Trichet und dem alten Direktorium ziehen kann. Damals waren sich der Deutsche Jürgen Stark und Italiens Abgesandter Lorenzo Bini Smaghi in den allermeisten geldpolitischen Fragen alles andere als grün. Und von der für Zahlungsverkehrsthemen zuständigen Österreicherin Gertrude Tumpel-Gugerell war selbst am Bankenplatz Frankfurt so gut wie nie etwas zu hören.

Draghi verlangt von seinen Top-Leuten volle Präsenz - nur Vizepräsident Constancio, der schon unter Trichet eher glücklos agierte, blieb in den ersten Monaten der Ära Draghi farblos. Der Chef hingegen hat dank seines starken Führungsteams mehr Zeit für die zentralen strategischen Fragen - die Zukunft des Euro und für die eigentliche Königsdisziplin eines Notenbankers: "Ich denke, ich habe eine Überzeugung, wie man Geldpolitik betreibt", sagt er selbstbewusst und schiebt schnell nach: "Wenn ich 'ich' sage, dann meine ich eigentlich 'wir' - wir im EZB-Direktorium und im Rat." Das schließt - überraschend - seinen prominentesten Gegner ein: Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Der befindet sich - meist jedenfalls - in Fundamentalopposition zu dem Italiener.   Fortsetzung...

 
European Central Bank (ECB) President Mario Draghi is seen through the viewfinder of a TV camera during his monthly ECB news conference in Frankfurt December 6, 2012. REUTERS/Lisi Niesner