Turbulenzen bei Thyssen erfassen IG Metall

Freitag, 11. Januar 2013, 14:53 Uhr
 

Düsseldorf (Reuters) - ThyssenKrupp kommt nicht zur Ruhe: Nachdem jüngst der halbe Vorstand gehen musste, kündigte am Freitag nun Aufsichtsrats-Vize Bertin Eichler seinen Rückzug an - nur wenige Stunden nach den ersten Presseberichten über teure Reisen auf Firmenkosten.

Er habe sich zwar nichts zuschulden kommen lassen, sagte der mächtige IG-Metall-Funktionär. "Dennoch ist nicht alles richtig, was zulässig ist und üblich war." Die Differenz der Kosten seiner Erster-Klasse-Flüge nach China, Thailand, Kuba und in die USA zum Preis für Flüge der Business-Klasse wolle er dem mit Milliardenverlusten kämpfenden Ruhrkonzern erstatten.

Am Vormittag hatte die IG Metall über den Fall beraten. Der 60-jährige Eichler ist seit 45 Jahren in der Gewerkschaft, seit 1996 geschäftsführendes Vorstandsmitglied und Hauptkassierer. Es sei nicht geplant, dass Eichler bei der Gewerkschaft Posten abgibt, sagte eine Sprecherin. "Eichler hat gegen keine Richtlinien der IG Metall verstoßen." In den Reuters vorliegenden zehn "Leitlinien der IG Metall für gute Aufsichtsratsarbeit" ist ein solcher Fall allerdings auch nicht geregelt. Eichler verlässt den ThyssenKrupp-Aufsichtsrat nicht vor dem Ende der Amtszeit. Die Wahl der Arbeitnehmervertreter ist der Gewerkschaft zufolge im Herbst geplant.

Mit der Ankündigung seines Rückzugs aus dem Aufsichtsrat von ThyssenKrupp könnte Eichler eine Hängepartie vermeiden wollen, wie es sie bei dem geschassten Compliance-Vorstand Jürgen Claassen gegeben hatte. Dieser hatte erst nach einem wochenlangen Medienfeuer über Luxusreisen seinen Hut genommen. Im Zusammenhang mit dem Desaster der neuen Stahlwerke in Übersee mussten Ende 2012 auch zwei langjährige Vorstände gehen.

GEWERKSCHAFTER WEIST VORWÜRFE MANGELNDER KONTROLLE ZURÜCK

Eichler verwahrte sich dagegen, es mit der Kontrolle des Managements nicht so genau genommen zu haben. "Den Vorwurf, durch diese Reisen sei meine Aufsichtsratstätigkeit vom Unternehmen beeinflusst worden, weise ich entschieden zurück. Ich habe meine Pflichten als Aufsichtsrat bei ThyssenKrupp nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt", erklärte der Gewerkschafter, der auch beim Autobauer BMW im Aufsichtsrat sitzt. Bei den Reisen von ThyssenKrupp habe es sich um Reisen in Wachstumsmärkte für das Aufzugsgeschäft und den Anlagenbau gehandelt. "Vor diesem Hintergrund war es geübte Praxis, dass geschäftlich veranlasste Reisen für die teilnehmenden Aufsichtsratsmitglieder durch das Unternehmen vorab organisiert wurden." Die bei den Reisen gesammelten Meilen des Vielfliegerprogramms nutze er nicht privat.

RÜCKTRITTSFORDERUNGEN SETZEN CROMME VOR HV UNTER DRUCK

ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger lässt die Reisekriterien der Unternehmens derzeit überprüfen. Erste-Klasse-Flüge für tausende Euro dürften danach nur noch die Ausnahme sein. Der ehemalige Siemens-Manager hat jedoch derzeit eine ganze Reihe von Baustellen. Er will in dem Unternehmen mit über 150.000 Mitarbeitern eine neue Führungskultur etablieren, nachdem ThyssenKrupp sich mehrfach an illegalen Preisabsprachen beteiligt hatte. "Seilschaften und blinde Loyalität" dürften nicht wichtiger sein als unternehmerischer Erfolg. Zudem dürften die Ereignisse bei Hiesinger böse Erinnerungen an seine Zeit bei Siemens wecken. Der Münchner Konzern finanzierte über Jahre aus schwarzen Kassen die Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB), um sie als willfähriges Gegengewicht zu missliebigen Gewerkschaften aufzubauen. Die Praxis flog auf, der einstige AUB-Chef wanderte ins Gefängnis, ein Siemens-Vorstand wurde verurteilt.

ThyssenKrupp steckt in der schwersten Krise seiner Geschichte. Im vergangenen Jahr fuhr das Traditionsunternehmen einen Verlust von fünf Milliarden Euro ein. Ein wesentlicher Grund dafür waren die neuen Stahlwerke in Übersee. Nach Pleiten, Pech und Pannen musste Hiesinger auf die unter seinem Vorgänger gebauten Anlagen erneut Milliardenabschreibungen vornehmen. Hiesinger will die Werke in Brasilien und den USA so rasch wie möglich abstoßen. In der Kritik steht insbesondere Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der seit 2001 an der Spitze des Kontrollgremiums steht und damit die Planungen für die Stahlwerke an oberster Stelle begleitet hat. Mehrere Aktionäre wollen auf der Hauptversammlung am Freitag kommender Woche in Bochum seinen Rücktritt fordern. Cromme lehnt dies ab. Er wird dabei vom mächtigen Vorsitzenden der Krupp-Stiftung, der 99-jährigen Konzernlegende Berthold Beitz, unterstützt.

 
The headquarters of Germany's industrial conglomerate ThyssenKrupp AG is pictured before its annual news conference in Essen December 11, 2012. REUTERS/Ina Fassbender (GERMANY - Tags: BUSINESS INDUSTRIAL COMMODITIES LOGO)