Deutsche Wirtschaft schrumpft Ende 2012 -Trübe Aussicht

Dienstag, 15. Januar 2013, 18:50 Uhr
 

Wiesbaden/Berlin (Reuters) - Deutschland steht an der Schwelle zur Rezession. Die Wirtschaft schrumpfte Ende vorigen Jahres um 0,5 Prozent und damit so stark wie seit dem Höhepunkt der Finanzkrise Anfang 2009 nicht mehr.

Für das Gesamtjahr 2012 reichte es zwar noch zu einem Wachstum von 0,7 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Doch die Aussichten sind nicht gerade rosig. Die Bundesregierung senkt nach Reuters-Informationen ihre Wachstumsprognose für 2013 deutlich auf 0,4 Prozent. Auch der designierte Chef des ZEW-Instituts, Clemens Fuest, warnte vor Konjunkturrisiken. "Die Lage ist deutlich schlechter als die Stimmung", sagte er. "Doch die Euro-Krise ist noch lange nicht vorbei. Das ist Wunschdenken."

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) war 2011 noch um 3,0 Prozent gestiegen und 2010 sogar um 4,2 Prozent. Deutschland steht dennoch konjunkturell besser da als die meisten Euro-Länder. "Im Jahr 2012 erwies sich die deutsche Wirtschaft in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld als widerstandsfähig und trotzte der europäischen Rezession", sagte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, in Wiesbaden. Wie sehr aber Schuldenkrise und globale Konjunkturabkühlung den Unternehmen zu schaffen machen, zeigt der BIP-Rückgang zwischen Oktober und Dezember. Schrumpft die Wirtschaftskraft zwei Quartale in Folge, sprechen Fachleute von einer Rezession.

Die Unsicherheit der Firmen spiegelt sich am besten in den sinkenden Investitionen wider. Wegen der unklaren Geschäftsaussichten legten viele Unternehmen ihre Pläne für eine Expansion oder Modernisierungen auf Eis. Die Wirtschaft investierte 4,4 Prozent weniger in Maschinen und Anlagen - dies war der erste Rückgang seit dem Rezessionsjahr 2009.

EXPORTE UND PRIVATKONSUM KURBELN AN

Impulse kamen vom privaten Konsum: Die Verbraucher gaben 0,8 Prozent mehr aus als im Vorjahr. Am stärksten schob der Außenhandel die Konjunktur an - trotz schwächerer globaler Nachfrage. Das Wachstum der Exporte von Waren und Dienstleistungen halbierte sich zwar auf 4,1 Prozent, die Importe stiegen mit 2,3 Prozent aber langsamer. Nach Ansicht der Exporteure geht es 2013 weiter bergauf, "wenn auch mit Trippelschritten", sagte der Präsident des Branchenverbandes BGA, Anton Börner. "Dank seiner weltweiten Exporterfolge außerhalb Europas kann Deutschland weiter wachsen."

Die Bundesregierung will sich am Mittwoch zur Konjunktur äußern, wenn Wirtschaftsminister Philipp Rösler den Jahreswirtschaftsbericht vorstellt. Darin senkt die Regierung ihre Wachstumsprognose für 2013 von 1,0 Prozent auf mehr als die Hälfte. "Die Zahl 0,4 Prozent ist richtig", sagte ein Vertreter aus Röslers Ressort zu Reuters. Im Jahresverlauf dürfte die Wirtschaft an Fahrt gewinnen und 2014 mit 1,6 Prozent wieder spürbar zulegen. Deutlich optimistischer geben sich die Ökonomen der Allianz. Für sie ist der Rückschlag Ende 2012 "kein Grund zum Pessimismus." Die Experten trauen Deutschland in diesem Jahr ein Wachstum von 1,2 Prozent zu und setzen auf steigende globale Nachfrage und anziehende Investitionen.

ÖFFENTLICHE HAND MIT ERSTEM ÜBERSCHUSS SEIT 2007

Positiv verlief das vergangene Jahr für die Kassen der öffentlichen Hand: Mitten in der Schuldenkrise erzielte der Staat erstmals seit 2007 einen Überschuss. Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherungen nahmen zusammen 2,2 Milliarden Euro mehr ein als sie ausgaben. Der Überschuss entspricht 0,1 Prozent des BIP. 2011 hatte es ein Defizit von 0,8 Prozent und 2010 von 4,1 Prozent gegeben. Der Bund allein schrieb mit 22,5 Milliarden Euro weiter rote Zahlen. Das Minus fiel jedoch viel geringer aus als anfangs geplant. Der Bund erfüllt so die Vorgabe der Schuldenbremse vier Jahre früher als gefordert. Das Ziel eines Bundesetats ohne neue Schulden sieht Finanzminister Wolfgang Schäuble nun für nächstes Jahr in greifbarer Nähe.

Grund für die Entwicklung waren vor allem gute Beschäftigungszahlen und steigende Steuereinnahmen. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg auf 41,6 Millionen und erreichte das sechste Jahr in Folge einen neuen Höchststand. Die Arbeitslosenzahl sank 2012 im Schnitt um 79.000 auf knapp 2,9 Millionen - das ist der niedrigste Stand seit 1991.

 
The world's biggest container ship "Marco Polo" is seen at the "Burchardkai" in the harbour of Hamburg December 12, 2012. REUTERS/Fabian Bimmer