Geiselnehmer in Algerien drohen mit weiteren Angriffen

Freitag, 18. Januar 2013, 15:27 Uhr
 

Algier (Reuters) - Dem algerische Kommandounternehmen zur Befreiung Hunderter Geiseln in der Sahara ist eine schnelle Beendigung des Wüstendramas nicht gelungen:

Auch mehr als 24 Stunden nach dem gewaltsamen Befreiungsversuch am Erdgasfeld In Amenas seien am Freitag rund 60 Ausländer noch immer in der weitläufigen Anlage festgehalten worden oder würden vermisst, berichtete ein Einheimischer. Die islamistischen Attentäter drohten mit neuen Angriffen auf ausländische Einrichtungen in dem Land, das in hohem Maß vom Energie-Export abhängig ist. Die internationalen Ölkonzerne begannen damit, in großem Stil Personal aus Algerien abzuziehen. Bereits am Donnerstag seien mehrere hundert Mitarbeiter verschiedener Unternehmen mit drei Flügen außer Landes gebracht worden, sagte ein Sprecher des Ölkonzerns BP. Ein weiterer Flug sollte am Freitag starten. Die algerische Führung erntete international scharfe Kritik für die tödliche Befreiungsaktion.

Bei der Erstürmung des Erdgasfeldes seien 30 Geiseln getötet worden, darunter mindestens sieben Ausländer, sagte der Einheimische. Auch elf Attentäter seien umgekommen. Mehr 600 einheimische Arbeiter überlebten. Die Angreifer bezeichneten den Überfall als Vergeltung für das Eingreifen der französischen Armee im Kampf gegen die islamistischen Rebellen in Mali. Rund 20 Ausländer wurden am Freitag noch vermisst, unter ihnen viele Japaner und Norweger. Die Bundesregierung hat nach eigenen Angaben keine Hinweise darauf, dass Deutsche oder deutsche Firmen von dem Angriff betroffen sind. Ein US-Flugzeug sei nahe der Anlage gelandet, um Geiseln in Sicherheit zu bringen, sagte der Einheimische. Der Angriff ist ein schwerer Rückschlag für die algerische Ölindustrie, die sich gerade erst von dem Bürgerkrieg in den 90er Jahren erholt.

Die Geiselnehmer forderten die Algerier auf, sich von ausländischen Einrichtungen fernzuhalten, wie die mauretanische Nachrichtenagentur ANI unter Berufung auf einen Sprecher der Islamisten meldete. Ein Großteil der Arbeiter auf den Öl- und Gasfeldern sind Algerier. Gerade die fast militärische Sicherheit in dem Land hatte in den vergangenen Jahren ausländische Energiekonzerne angezogen. Die Anlage In Amenas war nach Angaben eines früheren britischen Öl-Arbeiters schwer befestigt. Zu ihrem Schutz seien direkt auf dem Gelände mehrere hundert Soldaten stationiert gewesen. Die Leichtigkeit, mit der die Islamisten den Komplex mitten in der Wüste stürmten und unter ihre Kontrolle brachten, lässt nun jedoch Zweifel an den Sicherheitsvorkehrungen wachsen. In der Anlage werden ungefähr zehn Prozent des gesamten algerischen Erdgases gefördert. Damit stehen ausländische Investitionen in Zukunft auch anderswo im Land infrage.

Im Ausland sorgte die unabgestimmte Befreiungsaktion der algerischen Armee für Ärger. Großbritannien hätte sich gewünscht, vor dem Zugriff konsultiert zu werden, ließ der britische Premierminister David Cameron über einen Sprecher ausrichten. Der französische Ministerpräsident Jean-Marc Ayrault bezeichnete den Tod der Geiseln als erschütternd. Die japanische Regierung nannte das Vorgehen der algerischen Armee bedauerlich. Unter den getöteten Geiseln sollen zwei Japaner, zwei Briten und ein Franzose sein.

Der algerische Kommunikationsminister Mohamed Said schloss dennoch jegliche Verhandlungen mit Geiselnehmern aus. "Im Angesicht des Terrors gibt es gestern, heute und morgen keine Verhandlungen, keine erpresserischen Geschäfte und kein Nachlassen im Kampf gegen den Terrorismus", sagte er der Nachrichtenagentur APS. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen waren nur zwei der elf getöteten Angreifer Algerier, der Rest der Attentäter stamme aus Ägypten, Tunesien, Libyen, Mali und Frankreich. Die Gruppe habe die Geiseln nach Mali schaffen wollen. Dies untermauert die Einschätzung afrikanischer und westlicher Staatschefs, dass sie es in der Sahara mit einem länderübergreifenden islamistischen Aufstand zu tun haben.

Der Sicherheitsexperte Anis Rahmani geht davon aus, dass sich ungefähr 70 militante Islamisten an dem Angriff auf das Erdgasfeld beteiligten. Unter ihnen seien Anhänger des Afghanistan-Veteranen Mochtar Belmochtar aus Libyen und Mitglieder der weniger bekannten "Bewegung der islamischen Jugend im Süden", sagte der Buchautor und Zeitungsredakteur. Die Angreifer seien mit Sturmgewehren, Mörsern und Maschinengewehren bewaffnet gewesen.