Deutscher Exportüberschuss über EU-Warnschwelle

Montag, 21. Januar 2013, 16:20 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Der Erfolg hat auch eine Kehrseite: Deutschland steigerte seinen Exportüberschuss 2012 über die von der EU-Kommission vorgegebene Warnschwelle.

"In Euro umgerechnet beträgt der deutsche Leistungsbilanzüberschuss 169 Milliarden", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn am Montag zu Berechnungen seines Instituts für die Nachrichtenagentur Reuters. Das entspreche 6,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, nach 5,7 Prozent 2011. Die EU-Kommission stuft einen Wert von mehr als sechs Prozent als stabilitätsgefährdend ein. Bei einer längeren Fehlentwicklung droht sie deshalb mit einem Strafverfahren. Für dieses Jahr erwartet das Ifo-Institut sogar einen Anstieg auf 6,6 Prozent.

Viele Experten sehen im deutschen Überschuss eines der großen Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft, die für die Finanz- und Schuldenkrise mitverantwortlich sind. Den Ländern mit solchen Exportwerten stehen welche mit Defiziten gegenüber, die ihre Importe über Schulden finanzieren müssen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Industriestaaten-Organisation OECD fordern daher immer wieder von der Bundesregierung, die Binnennachfrage anzukurbeln, um die Unwucht zu verringern.

HINTER CHINA, VOR SAUDI-ARABIEN

Die Bundesregierung rechnet trotz Überschreiten des Grenzwertes nicht mit Ärger aus Brüssel. "Die Kommission nimmt einen ganzen Strauß von Indikatoren in den Blick, worunter ein Leistungsbilanzüberschuss durchaus zu finden sein kann", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Es gebe hier allerdings keinen Automatismus, zumal Brüssel noch andere Indikatoren berücksichtige. Der Fokus der Kommission liege zudem eher auf Defiziten - sowohl in der Leistungsbilanz als auch in Sachen Wettbewerbsfähigkeit. Internationale Organisationen bescheinigten Deutschland zudem, "dass wir einen großen Beitrag zur Beseitigung der Ungleichgewichte leisten", ergänzte eine Sprecherin des Finanzministeriums.

Nach Ifo-Berechnungen weist nur Exportweltmeister China einen noch größeren Überschuss als Deutschland aus. In Dollar gerechnet stieg er im vergangenen Jahr in der Volksrepublik von 202 auf 234 Milliarden, in Deutschland von 204 auf 218 Milliarden. Auf Rang drei folgt wegen seiner Ölexporte Saudi-Arabien mit 155 (2011: 158) Milliarden Dollar.

ENORME FORDERUNGEN

Die Münchner Wirtschaftsforscher vom Ifo-Institut kritisieren, dass ein Großteil der deutschen Exporte in die Euro-Länder quasi mit deutschem Steuerzahlergeld finanziert wird. "Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss mit dem Ausland ist im Jahr 2012 nicht mehr über private Kapitalexporte, sondern ausschließlich über Target-Kredite der deutschen Bundesbank und andere öffentliche Hilfskredite finanziert worden", so Ifo-Chef Sinn.

Target ist das Zahlungsverkehrssystem der europäischen Zentralbanken, über das die Geschäftsbanken grenzüberschreitende Zahlungen abwickeln. Nach Commerzbank-Berechnungen liegen die deutschen Forderungen bei 656 Milliarden Euro. Wegen der Kapitalflucht in Krisenländern wie Griechenland können diese ihre Handelsdefizite nicht mehr durch private Geldgeber finanzieren, sondern zapfen dafür das Target-System an. Würden sie die Euro-Zone verlassen, müsste die Bundesbank das Geld abschreiben und in letzter Konsequenz der deutsche Steuerzahler dafür geradestehen. Zuletzt sind die deutschen Forderungen aber deutlich gesunken, weil durch die Ankündigung unbegrenzter Anleihekäufe durch die Europäische Zentralbank die Gefahr eines Auseinanderbrechens der Währungsunion gesunken ist und privates Kapital in die Krisenländer zurückfließt.

 
Container bridges are in waiting position at the HHLA container terminal Burchardkai at Hamburg harbour May 5, 2010. The Burchardkai terminal of the Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) is the largest container handling facility in the Port of Hamburg. REUTERS/Christian Charisius (GERMANY - Tags: TRANSPORT)