Japan wirft Notenpresse zur Wirtschaftsbelebung an

Dienstag, 22. Januar 2013, 14:16 Uhr
 

Tokio (Reuters) - Regierung und Notenbank in Tokio wollen den stotternden japanischen Wachstumsmotor mit einer Rekord-Geldschwemme wieder auf Touren bringen.

In einer gemeinsamen Erklärung kündigten sie am Dienstag an, dass die Bank von Japan im Kampf gegen Deflation und Konjunkturflaute ab dem kommenden Jahr unbegrenzt Anleihen ankauft. Die Währungshüter unter dem scheidenden Präsidenten Masaaki Shirakawa gingen damit so weit wie nie zuvor. Zugleich verdoppelte die Notenbank ihr Inflationsziel auf zwei Prozent. Ministerpräsident Shinzo Abe kündigte einen "Paradigmenwechsel" in der makroökonomischen Strategie an. Experten rechnen nun damit, dass der Abwertungswettlauf unter anderem zwischen Japan und den USA an Schärfe gewinnt.

Die Entscheidung der Notenbank stellt einen Bruch mit der bisherigen Strategie dar, die Käufe schrittweise auszuweiten. Die Bank of Japan kauft auch derzeit Anleihen, das Programm ist aber zeitlich und im Volumen gedeckelt. "Das sind sehr gute Nachrichten", sagte Brian Redican von Macquarie in Sydney. "Auf einmal hat die Bank von Japan aggressiver gehandelt, als es vom Markt erwartet worden war." Andere äußerten sich zurückhaltender. Die Änderungen treten erst im kommenden Jahr in Kraft. Sie seien bisher nur Lippenbekenntnisse, sagte Commerzbank-Experte Marco Wagner. Die geldpolitischen Dämme dürften dagegen ab April brechen, wenn Shirakawas Amtszeit endet und vermutlich eine geldpolitische Taube zum Zuge kommt. Das spiegeln auch die Marktentwicklungen wieder: Der Yen fiel unmittelbar nach der Entscheidung, erholte sich dann jedoch wieder. Auch der Nikkei-Index konnte seine Gewinne nicht halten.

Zudem dürften Politiker, Volkswirte und einige Notenbankmitglieder den Druck aufrecht erhalten, den Geldhahn noch weiter aufzudrehen. Ein solcher Schritt könnte sein, Anleihen mit längerer Laufzeit zu kaufen. Zudem könnte der Zinssatz von 0,1 Prozent für kurzfristiges Notenbankgeld gestrichen werden.

International stößt die enge Verbundenheit von Notenbank und Regierung auf Kritik. So hatte sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wiederholt kritisch dazu geäußert. Bundesbankpräsident Jens Weidmann sprach am Montagabend von "bedenklichen Übergriffen". "Eine Folge, ob gewollt oder ungewollt, könnte eine zunehmende Politisierung der Wechselkurse sein", sagte er. Experten fürchten, dass die lockere Geldpolitik in den USA, Europa und Japan zu Gegenreaktionen bei Ländern führt, deren Exporteure durch das viele billige Geld massiv belastet werden - Politiker in manchen Schwellenländern sprechen bereits vom Beginn eines Währungskrieges.

Schon jetzt betreibe Japan eine aktive Währungspolitik, sagte Commerzbank-Experte Wagner. Ministerpräsident Abe, der mit seiner Liberaldemokratischen Partei bei der Wahl einen klaren Sieg errungen hatte, schickte mit dem Versprechen massiver Konjunkturstützen den Yen auf Talfahrt. Derzeit notiert der Yen bei 88,75 zum Dollar. Das reicht nach Einschätzung Wagners der Regierung nicht aus: Ein Regierungsmitglied habe jüngst einen Wechselkurs von 100 Yen zum Dollar genannt, der akzeptabel sei. Ein schwächerer Yen kommt den japanischen Exporteuren wie Toyota oder Panasonic zu Gute.

RÜCKKEHR VON STEIGENDEN PREISEN IN WEITER FERNE

Abes Spielraum für weitere Konjunkturstützen ist aber angesichts einer Staatsverschuldung von etwa 235 Prozent begrenzt. Er ist daher auf die Notenbank angewiesen und erhöhte zuletzt den Druck auf die Währungshüter, ihr Mandat auch auf die Förderung des Arbeitsmarktes auszudehnen. Doch das alles dürfte nach Einschätzung von Experten die Wirtschaft nicht auf Vordermann bringen. Dringend nötig seien vielmehr Strukturreformen, etwa auf dem Arbeitsmarkt oder in der Landwirtschaft, sagte Commerzbank-Experte Wagner. Dabei sei fraglich, ob es angesichts der Überalterung der Bevölkerung überhaupt gelingen könne, Wachstum nach Japan zurückzubringen. Denn die Binnennachfrage fehle schlichtweg, wenn es immer weniger junge Menschen gebe. "Die Regierung versucht, die Illusion eines Wachstumsmodells aufrecht zu erhalten", sagte er.

Die hartnäckige Deflation, die ein massives Problem für Japan darstellt, hängt mit der geringen Nachfrage der Verbraucher zusammen. Denn die Unternehmen senken die Preise immer weiter, um noch Käufer für ihre Produkte zu finden. Das heizt die Abwärtsspirale an. Seit Ende der 1990er Jahre sind die Verbraucherpreise nur in wenigen Monaten stärker als zwei Prozent gestiegen. Häufiger waren dagegen fallende Preise. Eine schnelle Besserung ist nach Einschätzung der Notenbank nicht in Sicht: Für das Haushaltsjahr, das im März 2015 endet, rechnet sie mit einer Teuerungsrate von nur 0,9 Prozent.

 
A woman walks past a sale sign at a shopping district in Tokyo January 22, 2013. Japanese Finance Minister Taro Aso said on Tuesday that the government highly appreciated the Bank of Japan's decision to switch to an open-ended commitment to buying assets next year and double its inflation target to 2 percent. REUTERS/Kim Kyung-Hoon (JAPAN - Tags: BUSINESS POLITICS)