Ende einer Ära -Konzernlenker Vasella verlässt Novartis

Mittwoch, 23. Januar 2013, 14:02 Uhr
 

Zürich (Reuters) - Beim Pharmariesen Novartis endet mit dem Abschied von Konzernlenker Daniel Vasella eine Ära.

Der 59 Jahre alte Präsident kündigte am Mittwoch überraschend seinen Rücktritt an. Er will sich im Februar nicht mehr zur Wahl in den Verwaltungsrat stellen. An seine Stelle soll der Bayer-Manager Jörg Reinhardt treten, wie Novartis mitteilte. Der 56-jährige Deutsche soll das Unternehmen zusammen mit Konzernchef Joseph Jimenez wieder auf den Wachstumspfad führen. Novartis leidet wie viele seiner Konkurrenten unter Preisdruck in öffentlichen Gesundheitswesen und darunter, dass bei umsatzstarken Präparaten der Patentschutz ausläuft und der Druck der Generika-Konkurrenz immer stärker wird.

Vasella gilt als Architekt des heute - gemessen am Börsenwert - zweitgrößten europäischen Pharma- und Gesundheitskonzerns. Er trat 1996 nach der Fusion von Sandoz und Ciba-Geigy an die Spitze der neu geformten Novartis. 1999 übernahm er auch das Amt des Präsidenten. Sein Gehalt stieg entsprechend und erreichte, wie die kritische Aktionärsvereinigung Ethos einmal schätzte, einschließlich Optionen und Aktien in Spitzenzeiten 40 Millionen Franken pro Jahr. Das machte ihn zu einem der am besten bezahlten, aber auch umstrittensten Manager der Schweiz. 2010 gab Vasella den Kritikern des sogenannten Doppelmandats nach und übergab die operative Konzernführung an Joseph Jimenez. Im Vorjahr betrug sein Jahresgehalt noch gut 13 Millionen Franken (elf Millionen Euro).

Angesichts der Kritik an seinem Gehalt ging oft vergessen, dass Vasella den Novartis-Konzern weitgehend umbaute und auf eine breite Basis stellte. Die Bereiche Agrarchemie und Kindernahrung verkaufte er. Statt dessen expandiert Novartis mit der Übernahme von Alcon in den Bereich Augenmedikamente. In Deutschland kaufte Novartis den Generika-Hersteller Hexal.

Neben seinem hohen Gehalt wurde Vasella auch immer wieder vorgehalten, dass der Aktienkurs nicht recht vom Fleck kam und dem des Lokalrivalen Roche hinterherhinkte. Auf der letzten Generalversammlung sprachen sich fast 40 Prozent der Aktionäre in einer Konsultativabstimmung gegen die Managerlöhne bei Novartis aus.

Vasellas Ankündigung kommt nur wenige Woche vor der für Anfang März angesetzten Volksabstimmung über Managerlöhne in der Schweiz. Die sogenannte "Abzocker-Initiative" sieht vor, dass Aktionäre in Zukunft nicht nur konsultativ, sondern bindend über Managerlöhne abstimmen können. Vasella selbst ließ offen, warum er geht. Die Aussage, dass er während seiner Zeit bei Novartis insgesamt 200 Millionen Franken verdient habe, ließ er in einem Fernsehinterview unwidersprochen stehen. Es sei die richtige Zeit aufzuhören, sagte er. Vasella soll Ehrenpräsident von Novartis werden.

REINHARDT - IM ZWEITEN ANLAUF KARRIERESPRUNG AM RHEINKNIE

Für Reinhardt bedeutet der Wechsel eine Rückkehr in die Stadt am Rheinknie. Der Manager, der Bayers HealthCare-Sparte leitet, war bereits bis 2010 als Chief Operating Officer bei Novartis und galt einmal als Nachfolgekandidat für Vasella auf dem CEO-Sessel. Reinhardt gilt als energisch, führungsstark und jemand, der genau weiß, was er will. Bei Novartis warten Baustellen auf den neuen Verwaltungsratschef. Blockbuster wie der Blutdrucksenker Diovan oder das Blutkrebsmittel Glivec, die im Geschäft mit den verschreibungspflichtigen Medikamenten jahrelang für üppig sprudelnde Verkaufserlöse sorgten, sind wegen des auslaufenden Patentschutzes harter Konkurrenz ausgesetzt. Neue Präparate wie die Tablette Gilenya gegen Multiple Sklerose oder die Krebsmittel Afinitor und Tasigna können die Umsatzeinbußen bei Top-Produkten erst zum Teil auffangen. In der Generika-Sparte Sandoz sowie im Geschäft mit Impfstoffen und rezeptfreien Medikamenten kosten qualitätsbedingte Produktionsausfälle viel Geld.

Novartis rechnet erst für das kommende Jahr mit einer Rückkehr zum Wachstum. 2013 werde der Umsatz unter Ausschluss von Wechselkurseinflüssen stagnieren, prognostizierte der Konzern. Der um Sonderfaktoren bereinigte operative Gewinn dürfte sogar um einen mittleren einstelligen Prozentbetrag schrumpfen. Für 2014 und 2015 stellten die Schweizer einen Anstieg der Verkaufserlöse zumindest um einen mittleren einstelligen Prozentbetrag in Aussicht. Der bereinigte operative Gewinn dürfte dann stärker als der Umsatz steigen.

2012 schloss Novartis mit 9,62 Milliarden Dollar Reingewinn ab. Das sind vier Prozent mehr als ein Jahr zuvor, aber weniger als von Analysten erwartet. Die Aktionäre sollen 2,30 Franken Dividende je Aktie erhalten nach 2,25 Franken im Vorjahr. Der Nettoumsatz ging um drei Prozent auf 56,67 Milliarden Doller zurück. Unter Ausschluss von Währungseffekten stagnierten die Umsätze, womit Novartis das angepeilte Ziel erreichte.

Novartis legte als erster europäischer Pharmakonzern sein Jahresergebnis vor. Der US-Konkurrent Johnson & Johnson hatte am Vortag mit einem verhaltenen Ausblick enttäuscht.

 
Daniel Vasella, chairman of Swiss drugmaker Novartis, speaks to a journalist before the annual news conference in Basel January 23, 2013. Vasella, a former chief executive who has served as Novartis as chairman for 17 years, said January 23, 2013 he would not stand for re-election to the board of directors. REUTERS/Michael Buholzer (SWITZERLAND - Tags: BUSINESS)