Euro-Wirtschaft driftet immer stärker auseinander

Donnerstag, 24. Januar 2013, 14:18 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Dank anziehender Konjunktur in Deutschland könnte die Euro-Zone im ersten Halbjahr die Rezession verlassen.

Sorgen bereitet Ökonomen jedoch Frankreichs Wirtschaft, die den Anschluss zu verlieren droht, wie Konjunktur-Daten vom Donnerstag belegen.

Die Talfahrt in der Euro-Zone schwächte sich im Januar ab. "Der Tiefpunkt der Rezession dürfte damit endgültig überwunden sein", teilte das Markit-Institut zur Umfrage unter 5000 Industriefirmen und Dienstleistern mit. Wermutstropfen sei die wachsende Kluft in der Währungsunion - vor allem zwischen den beiden größten Volkswirtschaften. "Während Deutschland eine kräftige Wachstumsbelebung vermeldet, geht es mit der französischen Wirtschaft so stark bergab wie seit Anfang 2009 nicht mehr", sagte Markit-Chefökonom Chris Williamson.

Die deutschen Firmen starteten überraschend kraftvoll ins neue Jahr und schütteln damit zunehmend Rezessionsängste ab. Die Geschäfte der gesamten Privatwirtschaft liefen im Januar so gut wie seit einem Jahr nicht mehr. Der Markit-Einkaufsmanagerindex stieg um 3,3 auf 53,6 Zähler. Damit liegt das Barometer wieder deutlich über der 50-Punkte-Marke, ab der es Wachstum signalisiert. Für Schwung sorgten vor allem die Dienstleister. Die Industrie machte zwar ebenfalls einen Sprung nach vorn, tut sich aber noch deutlich schwerer als die Service-Firmen.

Insgesamt dürfte Deutschland damit seine Schwächephase von Ende 2012 überwunden haben. Zwischen Oktober und Dezember war die Wirtschaft um 0,5 Prozent geschrumpft und damit so stark wie seit dem Höhepunkt der Finanzkrise Anfang 2009 nicht mehr. Sinkt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwei Quartale in Folge, sprechen Experten von Rezession. Analysten gehen aber davon aus, dass die Wirtschaft im ersten Quartal 2013 wieder um 0,2 Prozent zulegt. Zudem dürfte sich das Ifo-Geschäftsklima - als wichtigstes Barometer für die deutsche Konjunktur - zum dritten Mal in Folge aufgehellt haben und damit eine Trendwende signalisieren.

FRANKREICH TAUMELT IN RICHTUNG REZESSION

Ganz anders ist die Lage in Frankreich: Die Wirtschaft von Deutschlands wichtigstem Handelspartner befindet sich im Sinkflug. Das Markit-Barometer für die Privatwirtschaft sackte im Januar mit 42,7 Punkten auf den tiefsten Stand seit März 2009 und entfernt sich immer weiter von der Wachstumsschwelle. "Die Stimmung in französischen Unternehmen ist damit in einem desolaten Zustand", betonten die Postbank-Volkswirte. Dass Deutschland dies nicht kalt lässt, ist unbestritten. Denn Frankreich ist seit 1961 wichtigster Absatzmarkt für Produkte "Made in Germany". Markit befürchtet, dass Frankreich in die Rezession rutschen könnte. Die Notenbank hat für Ende 2012 einen BIP-Rückgang von 0,1 Prozent veranschlagt, von Reuters befragte Analysten sagen für Anfang 2013 ein Minus von 0,1 Prozent voraus. Wenn es so kommt, muss Frankreich das "R-Wort" verdauen.

Die Tendenz in der Euro-Zone ist gegenläufig. Die Commerzbank setzt darauf, dass die Wirtschaft in den 17 Ländern ab Frühjahr insgesamt wieder wächst. "Das Ende der Rezession naht", sagte Commerzbanker Christoph Weil und hält eine weitere Zinssenkung der Europäischen Zentralbank für "immer unwahrscheinlicher". Denn der Einkaufsmanagerindex für die Euro-Zone stieg im Januar 48,2 Punkte und erreichte ein Zehn-Monats-Hoch.

Trotz aller Zuversicht bleibt die Erholung schleppend, da einige Euro-Staaten noch im Konjunkturtal stecken. Die Arbeitslosigkeit in Spanien kletterte im vierten Quartal auf das Rekordhoch von 26 Prozent. Fast sechs Millionen Menschen suchen dort einen Job, die Jugendarbeitslosigkeit stieg auf 60 Prozent.

Experten gehen davon aus, dass die Euro-Wirtschaft im ersten Quartal stagniert und im zweiten Vierteljahr um 0,1 Prozent wächst. Für das Gesamtjahr erwarten sie ein Minus von 0,1 Prozent, für 2014 ein Wachstum von 1,0 Prozent. Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel geht davon aus, dass die Schuldenkrise in Europa ihren Höhepunkt überschritten hat. "Die Rückkehr des Vertrauens in die Eurozone zeigt sich vor allem daran, dass der Euro in den vergangenen Wochen gegenüber den anderen großen Währungen kräftig gestiegen ist."

 
A man makes his way past a store window decorated with discount signs in Paris, January 9, 2013, during the start of winter sales in France. REUTERS/Christian Hartmann (FRANCE - Tags: BUSINESS SOCIETY)