Geschwächter E.ON-Konzern zieht Kraftwerken Stecker

Mittwoch, 30. Januar 2013, 15:37 Uhr
 

Düsseldorf (Reuters) - Der von der Atomwende gebeutelte Energiekonzern E.ON schaltet wegen fallender Strom-Großhandelspreise reihenweise ältere Kraftwerke ab.

"In fast allen Kernmärkten Europas ist die Strom- und Gasnachfrage deutlich zurückgegangen", sagte Vorstandschef Johannes Teyssen am Mittwoch. Bis 2015 könnten bis zu 30 Kohle- und Gaskraftwerke abgeschaltet werden, darunter mehrere in Deutschland. Hierzulande schwindet die Auslastung der Anlagen wegen des vorrangig eingespeisten Ökostroms ohnehin. Das Geschäft mit erneuerbarer Energie und dezentralen Erzeugungsanlagen will Teyssen ausbauen, insgesamt aber die Investitionen kürzen. Nach Zuwächsen 2012 erwartet E.ON 2013 einen Gewinnrückgang.

Der Energieriese werde seine konventionelle Erzeugung so umbauen, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit zügig verbessere. "Es wird nicht einfacher für E.ON", betonte Teyssen in einer Telefonkonferenz. Dies gelte für alle europäischen Versorger. Die Großhandelspreise seien unter anderem wegen der schwachen Nachfrage in den krisengeplagten Staaten Südeuropas deutlich zurückgegangen. Über ein Dutzend Kraftwerke hat E.ON schon auf der Abschussliste. Darunter sind die alten Blöcke des Kraftwerks Staudinger bei Frankfurt und im nordrhein-westfälischen Datteln. Ingesamt könnte der Versorger Anlagen mit einer Leistung 11.000 Megawatt stilllegen - das entspricht in etwa der Leistung von elf Atomkraftwerken.

TEYSSEN WILL AUCH KLEINTEILIGE GESCHÄFTE AUSBAUEN

Galt bei dem Energieriesen früher eher das Motto "Nicht kleckern, sondern klotzen", backt Teyssen nun deutlich kleinere Brötchen. Die Investitionen will er bis 2015 auf 4,5 Milliarden Euro von rund sieben Milliarden in 2012 zurückfahren. Der Konzern, der rund 26 Millionen Kunden in Europa versorgt, will das Geschäft mit kleineren Anlagen ausbauen. E.ON biete schon heute den Betreibern von Ökostromanlagen Dienstleistungen für die Vermarktung ihrer Strommengen an, erläutere der Manager. "Tausend Kleinanlagen mit je einem Megawatt sind für uns unternehmerisch so interessant und wertvoll wie ein großes Kraftwerk." Zudem will E.ON seine Geschäfte in den neuen Märkten in der Türkei und Brasilien vorantreiben.

Nach den herben Verlusten 2011 durch den beschleunigten Atomausstieg konnte E.ON im vergangenen Jahr zulegen. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) stieg nach ersten Berechnungen um 16 Prozent auf 10,8 Milliarden Euro. Der für die Dividende entscheidende nachhaltige Nettogewinn habe sich auf 4,3 Milliarden Euro von 2,5 Milliarden Euro erhöht. Damit erreichte E.ON die Markterwartungen. Die Aktie legte nach den Zahlen zunähst zu, gab aber später wieder nach. Die Anleger brachen auch nicht in Begeisterung aus. "Investieren in E.ON ist weiterhin mit viel Unsicherheit verbunden", sagte ein Händler. Klar sei, dass der Konzern weiter unter der Atomwende leiden wird. "Er ist abhängig von Entscheidungen der Politik und das macht die Anleger unsicher."

NEUE PROGNOSE FÜR 2013 - KONZERN ERWARTET GEWINNRÜCKGANG

Teyssen will wie angekündigt für 2012 eine Dividende von 1,10 Euro je Aktie zahlen. Einen klaren Wert für 2013 nannte er nicht. Die Geschäftsaussichten für 2013 hätten sich verschlechtert. Für das laufende Jahr rechnet der Versorger mit einem Ebitda von 9,2 bis 9,8 Milliarden Euro. Der nachhaltige Nettogewinn solle bei 2,2 bis 2,6 Milliarden Euro liegen. Teyssen hatte im November die Prognose für 2013 gekippt, die noch ein Ebitda von 11,6 bis 12,3 Milliarden vorgesehen hatte.

E.ON drücken nach einer Einkaufstour unter Teyssens Vorgänger Wulf Bernotat über 35 Milliarden Euro Schulden. Teyssen treibt ein Sparprogramm voran, das den Abbau von 11.000 Stellen vorsieht, davon rund 6000 in Deutschland. Weltweit hat E.ON rund 73.000 Mitarbeiter. Nach dem sich die Proteste gegen das Sparprogramm gelegt haben, liegt E.ON mit den Arbeitnehmervertretern nun erneut im Clinch. Die Gewerkschaften haben die Tarifverhandlungen für die 30.000 Beschäftigten in Deutschland für gescheitert erklärt und werden womöglich schon für die kommende Woche erstmals in der Unternehmensgeschichte zu unbefristeten Streiks aufrufen. "Wir gehen davon aus, dass ein sozial verantwortbarer Kompromiss zu gegebener Zeit möglich wird", hofft Teyssen.