E.ON droht erster Streik der Unternehmensgeschichte

Freitag, 1. Februar 2013, 16:21 Uhr
 

Düsseldorf (Reuters) - Den E.ON-Beschäftigten platzt im Tarifstreit der Kragen: Erstmals in der Geschichte des Energiekonzerns wollen sie in einen unbefristeten Streik treten.

"Mit dem Montag beginnt der Streik", sagte Verdi-Verhandlungsführer Volker Stüber am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters. "E.ON muss mit wirtschaftlichem Schaden rechnen." Zuvor hatten sich bei der Urabstimmung über 90 Prozent der Verdi- und IG BCE-Mitglieder für den Arbeitskampf ausgesprochen. Auch Kraftwerke würden bestreikt. Die Bürger müssten aber keine Versorgungsengpässe befürchten. Die Gewerkschaften fordern für die rund 30.000 Beschäftigten von E.ON in Deutschland 6,5 Prozent mehr Lohn. Die vom Energieriesen zuletzt gebotenen 1,7 Prozent seien eine Zumutung. E.ON habe mit seiner "Verweigerungshaltung" den Streik provoziert.

Verdi zufolge wäre der Streik der erste in der privaten Energiewirtschaft der Bundesrepublik überhaupt. Jahrelang waren die Versorger wegen des sicheren Geschäfts mit Strom und Gas wahre Gelddruckmaschinen. Die Beschäftigten verdienten gutes Geld und profitierten von vergleichsweise hohen Sozialleistungen. Inzwischen herrscht bei den Konzernen wegen des größeren Wettbewerbs, des Atomausstiegs und sinkender Großhandelspreise Krisenstimmung.

Die Gewerkschaften haben angekündigt, E.ON frühzeitig vorzuwarnen, so dass der Konzern an der Börse kurzfristig - aber teuer - Strom zukaufen kann. Auch Atomkraftwerke würden vom Arbeitskampf betroffen sein, sagte Verdi-Verhandlungsführer Stüber Reuters. "Die Betriebsfähigkeit der Kraftwerke soll aber erhalten bleiben." Gestreikt werde sowohl in der Energieerzeugung als auch im Service- und Abrechnungsbereich.

E.ON FORDERT WEITERE VERHANDLUNGEN MIT GEWERKSCHAFTEN

Das E.ON-Management rief die Gewerkschaften zu weiteren Gesprächen auf. "Wir hoffen sehr, dass wir noch vor Beginn eines möglichen Streiks an den Verhandlungstisch zurückkehren und eine für beide Seiten tragbare Lösung erreichen können", sagte Personalvorstand Regine Stachelhaus. Der Konzern habe immer wieder deutliche Kompromiss- und Bewegungsbereitschaft gezeigt. "Wir müssen jetzt dringend weiter miteinander sprechen und eine Lösung finden, die einen Streik vermeidet. Dazu ist E.ON grundsätzlich bereit."

Voraussetzungen für neue Gespräche sei ein konkretes Angebot, sagte Verdi-Verhandlungsführer Stüber. "Die Zahl muss stehen." Zudem müsse sich E.ON bei den geforderten besseren Regelungen zur Übernahme der Auszubildenden bewegen. Der Gewerkschafter deutete zugleich Kompromissbereitschaft an. "6,5 Prozent ist nicht das letzte Wort." Eine Mindesthöhe wollte er aber nicht nennen. "Jetzt sind die Arbeitgeber am Zug."

AUCH BEI RWE DROHT EIN ARBEITSKAMPF

E.ON-Chef Johannes Teyssen setzt auf eine Verhandlungslösungen. Am Mittwoch hatte er den legendären Satz des früheren SPD-Fraktionschefs Herbert Wehner zitiert: "Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen." Auswirkungen auf die Ergebnisprognose befürchte er durch einen Ausstand nicht, hatte er in einer Telefonkonferenz betont. "Wir gehen davon aus, dass ein sozial verantwortbarer Kompromiss zu gegebener Zeit möglich sein wird."

Der Arbeitskampf trifft den größten deutschen Energiekonzern in einer schwierigen Lage. Der im Jahr 2000 gegründete Versorger kämpft mit Einbußen durch den Atomausstieg, einer schwachen Auslastung seiner Gaskraftwerke, schwindenden Strom-Großhandelspreisen und Schulden von über 35 Milliarden Euro. Im laufenden Geschäftsjahr erwartet der Versorger einen Gewinnrückgang. Zudem haben sich in dem Unternehmen die Wogen wegen Teyssens Kürzungsplänen gerade erst wieder gelegt. Teyssen will rund 11.000 Stellen streichen, darunter 6000 in Deutschland. Nach monatelangen Protesten hatte sich der Konzern mit den Gewerkschaften auf eine möglichst sozialverträgliche Umsetzung der Pläne geeinigt.

Der Essener Konkurrent RWE streicht ebenfalls tausende Jobs. Auch hier stehen im Streit um höhere Löhne die Zeichen auf Streik. Die Gewerkschaften hatten am Montag die Tarifverhandlungen für die 30.000 Beschäftigten in Deutschland abgebrochen. Am Dienstag kommender Woche wollen sie über das weitere Vorgehen beraten. Bei RWE fordern die Arbeitnehmervertreter sechs Prozent mehr Lohn. Der Konzern hat nach ihren Angaben angeboten, die Gehälter 2013 und 2014 um jeweils 1,5 Prozent zu erhöhen. Außerdem sollen die Beschäftigen zwei Einmalzahlungen von je 500 Euro erhalten.

 
Workers remove parts of a power pole to rebuild power lines in the western city of Meckenheim January 30, 2013. REUTERS/Ina Fassbender