Zwei Tote bei Anschlag auf US-Botschaft in Ankara

Freitag, 1. Februar 2013, 17:44 Uhr
 

Ankara (Reuters) - Bei einem Selbstmordanschlag auf die US-Botschaft in der türkischen Hauptstadt Ankara sind am Freitag zwei Menschen getötet worden, darunter der Attentäter.

Bei dem anderen Toten handelte es sich nach Angaben von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan um einen türkischen Wachposten. Zu der Tat bekannte sich zunächst niemand. Innenminister Muammer Güler sagte aber, der Angreifer habe einer linksradikalen Gruppe angehört. Vermutlich handle es sich um eine Organisation, die als extrem anti-amerikanisch gilt. Die beiden Nato-Staaten USA und Türkei sind seit Jahren enge strategische Verbündete. In den vergangenen Wochen trafen rund 400 US-Soldaten im Land ein, um gemeinsam mit deutschen und niederländischen Kameraden die Grenze zum Bürgerkriegsland Syrien mit Patriot-Abwehrraketen zu sichern.

Der Attentäter drang nach Angaben der Behörden über einen Seiteneingang in die Botschaft ein und zündete im Inneren des Gebäudes seinen Sprengsatz. Die Eingangspforte wurde aus den Angeln gerissen, Mauerwerk flog durch die Luft, Rauch stieg auf. Ansonsten schien das Gebäude aber intakt zu sein. Mit Gewehren bewaffnete Polizisten riegelten das Gebiet ab, am Himmel kreiste ein Polizeihubschrauber. Der Inhaber eines etwa 100 Meter entfernten Reisebüros sagte, die Explosion sei gewaltig gewesen. "Am Boden lag etwas, das wie ein Leichenteil aussah." Ein weiterer Zeuge sagte, die Detonation sei eineinhalb Kilometer entfernt zu hören gewesen. US-Botschafter Francis Ricciardone kam nicht zu Schaden.

"Dieses Ereignis zeigt, dass wir gemeinsam überall in der Welt gegen diese terroristischen Elemente kämpfen müssen", sagte Erdogan, der sich zum Zeitpunkt des Anschlags in Istanbul aufhielt. Der staatliche türkische Rundfunksender TRT meldete, der Attentäter sei Mitglied der Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) gewesen. Die Gruppe, die von der EU, den USA und der Türkei als Terrororganisation eingestuft wird, fordert einen sozialistischen Staat und gilt als entschieden anti-amerikanisch. Auf ihr Konto soll unter anderem ein Angriff auf eine Polizeiwache in Istanbul am 11. September 2012 gehen, dem elften Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center in den USA.

Die DHKP-C beklagt einen zu starken Einfluss der US-Außenpolitik in der Türkei. Die Regierungen in Ankara und Washington arbeiten ungeachtet einiger Spannungen seit Jahren intensiv zusammen. US-Präsident Barack Obama wählte die Türkei als erstes muslimisches Land für einen Besuch nach seinem ersten Wahlsieg vor fünf Jahren.

Die Türkei ist einer der Staaten, die sich mit am deutlichsten für ein internationales Eingreifen in Syrien ausgesprochen haben, wo Präsident Baschar al-Assad seit fast zwei Jahren versucht, einen Aufstand niederzuschlagen. Tausende syrische Flüchtlinge harren in der Türkei aus, die bereits mehrfach von syrischem Gebiet aus beschossen wurde. Die USA, Deutschland und die Niederlande haben zum Schutz ihres Nato-Partners an der Grenze Abwehrraketen in Stellung gebracht.

MERKEL ZEIGT SICH BESTÜRZT

US-Soldaten sind aber nicht nur wegen des Patriot-Einsatzes im Land, sie betreiben auch ein Nato-Radarsystem im Osten der Türkei, das unter anderem zum Schutz gegen eine mögliche Bedrohung durch den Iran dienen soll. Innenminister Güler sagte, die Gruppe, der der Attentäter angehörte, könne die DHKP-C oder eine ähnlich ausgerichtete Organisation sein. Allerdings wurden in der Türkei in der Vergangenheit auch zahlreiche Anschläge von rechtsradikalen Gruppen, Islamisten oder der verbotenen Kurdische Arbeiterpartei PKK verübt.

Das US-Außenministerium kündigte an, gemeinsam mit der türkischen Polizei den Vorfall zu untersuchen. Das Konsulat in Istanbul mahnte Amerikaner in der Türkei zu besonderer Vorsicht und riet ihnen, sich vorerst von amerikanischen Vertretungen in dem Land fernzuhalten. Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich während eines Berlin-Besuchs von US-Vizepräsident Joe Biden über den Anschlag bestürzt.

Auslandsvertretungen der USA wurden bereits häufiger Ziel von Angriffen, etwa im September vergangenen Jahres im ostlibyschen Bengasi, wo der US-Botschafter und drei andere Amerikaner getötet wurden, als Extremisten das dortige Konsulat stürmten. 1998 starben Hunderte bei Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania.

 
U.S. Ambassador to Turkey Francis Ricciardone (L, with white hair) speaks to media outside of the U.S. Embassy in Ankara February 1, 2013. REUTERS/Stringer