Europol deckt gigantischen Fußball-Wettskandal auf

Montag, 4. Februar 2013, 16:07 Uhr
 

Den Haag (Reuters) - Ein Jahr vor der Weltmeisterschaft in Brasilien wird der internationale Fußball von einem der größten Wettskandale in seiner Geschichte erschüttert.

Nach Angaben der europäischen Polizeibehörde Europol wurden zwischen 2008 und 2011 weltweit rund 680 Spiele manipuliert, davon etwa 380 Spiele in Europa. Betroffen seien neben Qualifikationsspielen für die WM und die EM auch Spitzenpartien in mehreren europäischen Ligen sowie zwei Begegnungen der Champions League, sagte Europol-Chef Rob Wainright am Montag in Den Haag. In 15 Ländern werde gegen rund 425 Verbandsfunktionäre, Schiedsrichter, Spieler und Kriminelle ermittelt. Geleitet worden sei der Zockerring von Singapur aus. Aus Deutschland wurden keine neuen Schiebungen bekannt.

Die Betrüger sollen den gemeinsamen Untersuchungen von Europol und den nationalen Strafverfolgungsbehörden zufolge mit den Manipulationen mindestens acht Millionen Euro eingestrichen haben. Das sei aber wohl nur die Spitze des Eisbergs, sagte Friedhelm Althans, der Leiter der Ermittlungskommission "Flankengott" von der Bochumer Polizei. Pro Spiel seien bis 100.000 Euro an Bestechung geflossen. Namen von Spielern und Vereinen wollte Europol zunächst nicht nennen.

KEINE NEUEN BETRUGSFÄLLE IN DEUTSCHLAND

Es ist nicht der erste große Wettskandal im milliardenschweren Fußballgeschäft. Erst im vergangenen Jahr war Italien betroffen. Unter den in Den Haag vorgestellten Fällen befänden sich auch keine neuen Erkenntnisse über Manipulationen in Deutschland, sagte der Bochumer Oberstaatsanwalt Norbert Salamon: "Das ist keine deutsche Geschichte." Vielmehr seien von Europol Ermittlungsergebnisse und -zwischenstände einer bereits vor eineinhalb Jahren gegründeten gemeinsamen Ermittlungsgruppe mehrerer EU-Länder vorgestellt worden. Vor dem Landgericht Bochum war 2011 ein Fußball-Manipulationsskandal aufgerollt worden.

Die Hintermänner in Singapur sollen ein weltweites Netz aufgebaut haben, bei dem sie direkten Kontakt zu Drahtziehern in den einzelnen Ländern hatten. In Ungarn beispielsweise soll ein Bandenmitglied Verbindungen zu Schiedsrichtern gehabt haben, die dann bei ihren Einsätzen weltweit die Spiele in die gewünschte Richtung lenken sollten. Komplizen hätten dann Wetten über das Internet oder per Telefon bei Buchmachern in Asien platziert, wo in Europa verbotene Wetten angenommen werden.

PRO SPIEL 50 VERDÄCHTIGE IN 10 LÄNDERN WELTWEIT VERWICKELT

"In ein manipuliertes Spiel waren möglicherweise bis zu 50 Verdächtige in zehn Ländern auf verschiedenen Kontinenten verwickelt", sagte Althans. "Selbst zwei Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiele in Afrika und eines in Mittelamerika stehen unter Verdacht." Insgesamt geht es in Lateinamerika, Asien und Afrika um 300 verdächtige Spiele.

Der Manager der deutschen Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, sprach von einer schockierenden Nachricht, sollte sich das Ausmaß bestätigen. Er verwies aber darauf, dass dies noch keine offiziellen Zahlen seien. "Aber wenn die Zahl echt wäre, wäre es natürlich beängstigend", sagte Bierhoff in Frankfurt im Vorfeld des Spiels gegen Frankreich am Mittwoch.

Um künftig Wettbetrüger besser zu verfolgen, forderte Althans eine abgestimmte Gesetzesverschärfung gegen Spielmanipulationen in Europa. "In vielen Ländern, auch in Deutschland, wird eine Spielmanipulation erst zu einer Straftat, wenn man dann eine Wette auf dieses Ergebnis platziert." Die Beweisführung sei in einem solchen Fall aber oft sehr schwierig.

 
A Colombia fan kisses a replica of the World Cup trophy before their 2014 World Cup qualifying soccer match against Paraguay in Barranquilla, October 12, 2012. REUTERS/Joaquin Sarmiento (COLOMBIA - Tags: SPORT SOCCER)