ThyssenKrupp will Tausende Stellen streichen

Freitag, 8. Februar 2013, 14:21 Uhr
 

Düsseldorf (Reuters) - ThyssenKrupp reagiert mit dem Abbau von Tausenden Arbeitsplätzen auf die Krise im Stahlgeschäft.

Rund 2000 der 27.600 Stellen sollen gestrichen werden, weitere 1800 Jobs können durch den Verkauf von Bereichen wegfallen, erklärte der Konzern am Freitag. Damit ist jeder siebte Arbeitsplatz in der Sparte Steel Europe gefährdet. Nun stehen Gespräche mit den Arbeitnehmern an. Die IG Metall forderte bereits, der Stellenabbau müsse ohne betriebsbedingte Kündigungen über die Bühne gehen. Zudem müsse es "Investitionen in eine nachhaltige Stahlstrategie am Standort Deutschland" geben.

Der Konzern will durch den Stellenabbau im europäischen Stahlgeschäft die Kosten um rund 500 Millionen Euro bis zum Geschäftsjahr 2014/2015 drücken. Die Summe ist einem Sprecher zufolge Teil des Sparziels von rund zwei Milliarden Euro, das Konzernchef Heinrich Hiesinger im vergangenen Jahr ausgegeben hatte. Bei Deutschlands größtem Stahlkocher kriselt indes nicht nur das Europa-Geschäft: Hiesinger kämpft auch mit Problemen bei den Stahlwerken in Übersee, die dem Konzern Milliarden-Verluste eingebrockt hatten. Hiesinger hat sie deshalb zum Verkauf gestellt. Der Umbau des Europa-Geschäfts sei aber unabhängig von den Problemen in Amerika notwendig, sagte der Konzernsprecher - konjunkturelle Unsicherheiten und nicht ausreichende Margen lasteten auf der Branche.

Die Belegschaft der Stahlwerke wurde der IG Metall zufolge am Freitagmorgen über die Pläne informiert. Die Gewerkschaft und der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Garrelt Duin forderten den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen. "Niemand bei ThyssenKrupp darf arbeitslos werden", betonte der Landeschef der Gewerkschaft, Knut Giesler. "ThyssenKrupp muss in eine tragfähige Zukunft investieren, mit einer nachhaltigen Stahlstrategie", betonte er. ThyssenKrupp will nun mit den Arbeitnehmervertretern über den Stellenabbau sprechen. Betroffen seien voraussichtlich alle Standorte, hieß es bei der Gewerkschaft. Arbeitsplätze sollen unter anderem auch in der Verwaltung in Duisburg wegfallen.

Steel Europe decke die Kapitalkosten nicht mehr, begründete der Konzern seine Pläne. Der operative Gewinn (Ebit) der Sparte brach im Geschäftsjahr 2011/12 auf 188 Millionen Euro ein, nach 1,1 Milliarden Euro im Jahr zuvor. Nun tritt Hiesinger auf die Kostenbremse. Verkaufen könnte er zudem Teilbereiche bei Electrical Steel, vermuteten Insider. Die Sparte unterhält Werke in Bochum und Gelsenkirchen, aber auch in Frankreich, Italien und Indien.

GRÖSSTE KRISE SEIT FUSION

Der Traditionskonzern steckt in der größten Krise seit der Fusion von Thyssen und Krupp 1999. Für das abgelaufene Geschäftsjahr 2011/12 (per Ende September) hatte Hiesinger einen Verlust von fünf Milliarden Euro bekanntgeben müssen - der mit Abstand höchste Fehlbetrag in der Firmengeschichte. Zudem kommen auf ThyssenKrupp Schadenersatzforderungen wegen illegaler Kartellabsprachen mit Schienenherstellern zu. Auch wegen der Verluste trennte sich der Konzern vom halben Vorstand - Olaf Berlien, Edwin Eichler und Jürgen Claassen mussten vorzeitig gehen.

Im vergangenen Jahr hatte sich ThyssenKrupp bereits von seinem Edelstahlgeschäft mit rund 11.500 Mitarbeitern getrennt. Der finnische Konkurrent Outokumpu übernahm das Geschäft. Hiesinger hatte zudem angekündigt, auch die schwächelnde europäische Stahlsparte auf den Prüfstand zu stellen. Die angekündigten Stellenstreichungen lösten nun fast keine Reaktion der ThyssenKrupp-Aktien aus, ein Abbau von Arbeitsplätzen war bereits erwartet worden. An dem Geschäft will Hiesinger aber nach früheren Aussagen festhalten: "Wir wollen einen Weg finden, um Steel Europe erfolgreich weiterzuführen." Nun gab der Konzern die Sparpläne bekannt.

Die Stahlindustrie steckt in einer Krise. Die Kunden in Europa halten sich wegen der unsicheren Konjunkturentwicklung mit Bestellungen zurück und bauen stattdessen ihre Lager ab. In Spanien und anderen hoch verschuldeten Staaten Südeuropas ist wegen des von den Regierungen verordneten Sparkurses die Nachfrage regelrecht eingebrochen. Zuletzt schöpfte die Industrie dem deutschen Branchenverband zufolge aber wieder Hoffnung. Viele Kunden müssten ihre leeren Lager wieder auffüllen. Wie sich die Lage bei ThyssenKrupp darstellt, wird kommende Woche klarer werden: Am 12. Februar legt der Konzern Zahlen für den Zeitraum Oktober bis Dezember vor.

 
General view of the headquarters of Germany's industrial conglomerate ThyssenKrupp AG are pictured in Essen January 16, 2013. REUTERS/Ina Fassbender (GERMANY - Tags: BUSINESS INDUSTRIAL)