ThyssenKrupp-Chef kämpft mit Stahlflaute

Dienstag, 12. Februar 2013, 15:58 Uhr
 

Düsseldorf (Reuters) - ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger will den kriselnden Stahlkonzern wieder flott machen - auf starken Rückenwind der Konjunktur kann er dabei aber nicht setzen.

"Vor dem Hintergrund der schwachen weltwirtschaftlichen Erholung bleiben die Perspektiven für den Stahlmarkt gedämpft", erklärte der Konzern am Dienstag. Hiesinger kämpft an vielen Fronten: Die milliardenschweren Werksverkäufe in Übersee kommen nur schleppend voran. Betrogene Kunden fordern Schadenersatz. Zugleich muss er bei der Belegschaft einen massiven Jobabbau durchsetzen - und nun brechen auch in Europa die Erträge weg.

Denn nach den Verlusten im gescheiterten amerikanischen Stahlgeschäft verhagelt jetzt die schwache Nachfrage nach dem Werkstoff in Europa dem deutschen Branchenführer die Bilanz. Im ersten Quartal des neuen Geschäftjahres brach der bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) um mehr als ein Drittel auf 229 Millionen Euro ein. Auch im Gesamtjahr erwartet ThyssenKrupp trübe Geschäfte.

"AUF GUTEM WEG, ABER NICHT ZUFRIEDEN"

Das Unternehmen mit rund 150.000 Beschäftigten geht von einer stagnierenden Entwicklung in seinen zyklischen Werkstoff- und Komponenten-Geschäften aus. Im europäischen Stahlgeschäft, in dem Hiesinger mehr als 2000 der 27.600 Stellen streichen will, schmolzen die Gewinne im ersten Quartal 2012/13 (per Ende September) auf 30 Millionen Euro von 102 Millionen zusammen. Gleichwohl bekräftigte Hiesinger die Prognose, das bereinigte Ebit des Konzerns werde im Gesamtjahr (per Ende September) bei einer Milliarde Euro liegen - das wäre allerdings nochmal ein Rückgang um 400 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr. Besserung sei erst 2013/14 in Sicht.

"Wir sind auf gutem Weg, unsere operativen Ziele im Gesamtjahr zu erreichen", machte Hiesinger Mut, räumte jedoch ein, dass der Konzern mit der heutigen Ertragskraft nicht zufrieden sein könne. Im Aufzugsgeschäft konnte das Unternehmen zwar beim Gewinn zulegen und im Anlagenbau seinen Auftragseingang sogar verdoppeln. Unter dem Strich verdiente ThyssenKrupp jedoch nur noch 29 Millionen Euro nach 41 Millionen im Vorjahreszeitraum. Marktexperten hatten mehr erwartet. Die Aktie verlor zeitweise über ein Prozent und war damit der größte Verlierer im Dax. Vor allem die Zahlen im europäischen Stahlgeschäft seien enttäuschend, sagten Analysten.

Die Marktschwäche macht auch Weltmarktführer ArcelorMittal und dem deutschen Branchenzweiten Salzgitter zu schaffen. ArcelorMittal hatte nach Abschreibungen im europäischen Stahlgeschäft für das vergangene Jahr einen Verlust von 3,7 Milliarden Dollar ausgewiesen. In der Branche gibt es inzwischen jedoch die Hoffnung, dass die Lager der Kunden aus der Autoindustrie und dem Maschinenbau leer sind und die Kunden wieder kaufen müssen. Im Januar stieg in Deutschland die Rohstahlproduktion um gut fünf Prozent.

KONZERN SENKT SCHULDEN - AMERIKA-WERKE SOLLE KASSE FÜLLEN

ThyssenKrupp steckt in der größten Krise seit der Fusion von Thyssen und Krupp 1999. 2011/12 fuhr der Konzern vor allem wegen des Desasters mit den neuen Stahlwerken in Übersee einen Verlust von fünf Milliarden Euro ein. Drei Vorstände mussten gehen. Nach Kartellverstößen drohen Schadenersatzforderungen von mehr als einer halben Milliarde Euro. Hiesinger hat dem Traditionskonzern eine neue Unternehmenskultur auf die Fahnen geschrieben - ohne Korruption und blinden Gehorsam.

Das verlustreiche amerikanische Stahlgeschäft will er rasch abstoßen. Der Verkaufsprozess verlaufe nach Plan, sagte er. Seit November prüften Interessenten die Bücher. Die Kosten für die Werke waren nach Pleiten, Pech und Pannen auf zwölf Milliarden Euro explodiert. Im ersten Quartal fuhr die nicht mehr zum fortgeführten Geschäft zählende Sparte Steel Americas einen operativen Verlust von 87 Millionen Euro ein - nach Miesen von fast 300 Millionen vor Jahresfrist. Sollte Steel Americas im Geschäftsjahr im Konzern bleiben, rechnet ThyssenKrupp dort mit einem Verlust im mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich.

Die Frist für bindende Angebote läuft am 28. Februar ab, hatte Reuters von mit der Angelegenheit vertrauten Personen erfahren. Im Rennen seien JFE Steel, U.S. Steel, ArcelorMittal, Nippon Steel und der brasilianische Stahlkocher CSN. ThyssenKrupp sei zuversichtlich, im Laufe des Geschäftsjahres eine Lösung für die Werke in Brasilien und den USA zu finden, betonte Hiesinger. "Die Erlöse aus dem Verkauf werden die Netto-Finanzschulden deutlich reduzieren." Erst kürzlich hatte der Konzern seine Edelstahltochter Inoxum verkauft. Auch dadurch konnten das Unternehmen seine Schulden bis Ende Dezember gegenüber Ende September um 600 Millionen Euro auf 5,2 Milliarden Euro abbauen.

 
The headquarters of Germany's industrial conglomerate ThyssenKrupp AG are pictured in Essen January 16, 2013. ThyssenKrupp, Germany's biggest steelmaker, warned that it saw no global economic recovery this year after a slump in steel prices and weak car markets caused a 38 percent drop in its quarterly core profit. Picture taken January 16, 2013. REUTERS/Ina Fassbender (GERMANY - Tags: BUSINESS INDUSTRIAL) - RTR3DO94