Neuer Barclays-Chef verordnet Großbank Schrumpfkur

Dienstag, 12. Februar 2013, 17:01 Uhr
 

London (Reuters) - Die britische Großbank Barclays setzt den Rotstift an. Unter ihrem neuen Chef Antony Jenkins sollen mindestens 3700 der insgesamt rund 140.000 Stellen wegfallen.

Knapp die Hälfte davon betrifft das Investmentbanking, das dem Institut über Jahre satte Gewinne, zuletzt wegen des Zinsskandals aber einen herben Imageverlust brachte. Auch vor dem Privatkundengeschäft, in dem Jenkins selbst viele Jahre tätig war, wird nicht haltgemacht. Die Einsparungen sollen die jährlichen Kosten um knapp zwei Milliarden Euro drücken. An der Börse sorgte dies zusammen mit einer angehobenen Dividende für Optimismus: Barclays-Aktien verteuerten sich um knapp neun Prozent, so stark wie sonst keine andere europäische Großbank am Dienstag.

Der Konzernumbau steht unter dem Motto "Kulturwandel", den sich auch die Deutsche Bank verordnet hat: Windige Geschäfte sollen der Vergangenheit angehören, das in der Krise verspielte Vertrauen zurückgewonnen werden. "Barclays ändert sich. Es wird kein Zurück zu dem alten Weg, wie Dinge gemacht wurden, geben", erklärte Jenkins. Ethik sei künftig wichtiger als Gewinne. Wer die Veränderungen nicht mittrage, müsse gehen. Das ist vor allem als Warnung an Investmentbanker zu verstehen. Deren Verdienstmöglichkeiten sinken bereits: Aus dem Bonustopf bekommen sie im Schnitt nur noch 54.100 Pfund - 17 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Konzernweit werden für 2012 Boni in Höhe von 1,85 Milliarden Pfund ausgeschüttet - ein Minus von 14 Prozent.

Der Aktienhandel und das Beratungsgeschäft werden zurückgefahren. Das von Politikern viel kritisierte Investmentbanking - immer noch die Haupteinnahmequelle der Londoner - werde aber ein großer und wichtiger Teil der Firma bleiben, so Jenkins. Der Kulturwandel könne zudem nicht über Nacht umgesetzt werden. "Ich verstehe den Zynismus und die Skepsis da draußen, wenn man die Bilanz der Banken in der Vergangenheit berücksichtigt. Sie sollten uns aber danach beurteilen, was wir in den nächsten ein, zwei, fünf oder zehn Jahren liefern."

AUF DEM RÜCKZUG IN ASIEN UND EUROPA

Barclays streicht 1800 Jobs im Investmentbanking und Firmenkundengeschäft, 1600 Leute mussten bereits gehen. 1900 weitere Stellen sollen im Privatkundenbereich wegfallen. Der Fokus soll künftig neben dem Heimatmarkt auf den USA und Afrika liegen. Die Präsenz in mehreren europäischen Ländern und Asien soll dagegen zurückgefahren werden. Auf dem Prüfstand steht etwa das Privatkundengeschäft in Italien, Spanien, Portugal und Frankreich. Die Bank bekräftigte, ihr umstrittenes, aber profitables Steuerberatungsgeschäft zu schließen, das mancher Abgeordneter als Beihilfe zur Steuerhinterziehung einstufte. Umstrittene Spekulationen mit Rohstoffen werden gestoppt.

Jenkins hat das Ruder bei Barclays Ende August übernommen. Seitdem haben die Aktien der Bank 75 Prozent an Wert gewonnen und liegen auf dem höchsten Niveau seit zwei Jahren. Beobachter halten dem 51-Jährigen zugute, dass er selbst aus dem Privatkundengeschäft kommt - und damit anders als etwa Deutsche-Bank-Co-Chef Anshu Jain eine natürliche Distanz zu den hoch bezahlten Investmentbankern hat. Jenkins' Vorgänger Bob Diamond, unter dem Barclays mit riskanten Geschäften lange sehr erfolgreich war, stürzte am Ende über den weltweiten Skandal um die Manipulation des wichtigen Referenz-Zinssatzes Libor.

Denn als erstes Geldhaus überhaupt hatte Barclays eine Verstrickung in den Fall eingeräumt und musste dafür eine Strafe von 450 Millionen Dollar zahlen. Aber auch an anderen Ecken brennt es: So verkaufte die Bank ihren Privatkunden jahrelang teure Restschuldversicherungen, die sie eigentlich nicht brauchten - und wurde dafür im Nachhinein ebenfalls zur Kasse gebeten.

HÖHERE DIVIDENDE TROTZ ROTER ZAHLEN

Barclays will seinen Eigentümern trotz schwacher Zahlen für 2012 eine Dividende von 6,50 Pence je Aktie zahlen, nachdem es 2011 nur sechs Pence waren. Analysten werteten dies als positives Signal für die Branche, nachdem zuletzt eher von Löchern in den Bilanzen der britischen Banken die Rede war.

Für 2012 wies das Institut einen Nettoverlust von 236 Millionen Pfund aus. Im Jahr zuvor stand dem noch ein Gewinn von 3,95 Milliarden Pfund gegenüber. Hier schlugen nicht nur die Entschädigungen durch, die Barclays den Kunden wegen der Restschuldversicherungen zahlte. Das Institut musste auch seine eigenen Verbindlichkeiten neu bewerten. Bereinigt um Sonderlasten legte der Vorsteuergewinn dagegen um mehr als ein Viertel auf gut sieben Milliarden Pfund zu. Der Sparkurs kostet zunächst Geld, weil Abfindungen fällig werden. Allein im ersten Quartal 2013 rechnet das Institut mit etwa 500 Millionen Pfund.

 
The Barclays headquarters building is seen in the Canary Wharf business district of east London February 6, 2013. REUTERS/Neil Hall (BRITAIN - Tags: BUSINESS) - RTR3DI4J