Tests sollen Klarheit im Pferdefleisch-Skandal bringen

Freitag, 15. Februar 2013, 17:56 Uhr
 

Brüssel/Paris/Berlin (Reuters) - Im europaweiten Pferdefleisch-Skandal sollen jetzt umfangreiche Tests für Klarheit sorgen.

In Brüssel beschlossen die EU-Regierungen am Freitag obligatorische DNA-Analysen von Fleischprodukten in allen 27 Mitgliedsstaaten, um das Ausmaß der Täuschungen durch nicht deklariertes Pferdefleisch auszuloten. Zudem sollen die Lebensmittel auf möglicherweise gesundheitsschädigende Medikamentenrückstände untersucht werden. In Frankreich beteuerte einer der Hauptverdächtigen seine Unschuld: Die französische Firma Spanghero versicherte, kein Pferdefleisch in Rinderfleisch umetikettiert zu haben.

In Deutschland entfernte der Discounter Aldi Süd Ravioli-Dosen wegen Pferdefleischanteilen aus dem Angebot. Konkurrent Lidl räumte einen Verdacht auf undeklariertes Pferdefleisch ein. Das Produkt "Tortelloni Rindfleisch" des Herstellers "Gusto GmbH" der Hilcona AG sei aus dem Verkauf genommen worden. Zuvor hatten österreichischen Behörden gemeldet, die Tortelloni enthielten Pferdefleisch. Der Handelskonzern Kaiser's Tengelmann bestätigte, in seiner Lasagne habe sich Pferdefleisch befunden. Am Vortag hatten bereits die Supermarktketten Edeka und Real Pferdefleisch-Funde eingeräumt. Auch international zog der Skandal Kreise: In Großbritannien wurde in 29 Proben undeklariertes Pferdefleisch festgestellt. Niederländische Behörden starteten strafrechtliche Ermittlungen gegen ein Unternehmen, das verdächtigt wird, Fleisch falsch gekennzeichnet zu haben. Insgesamt sollten 100 fleischverarbeitende Firmen überprüft werden.

Bislang weisen alle Spuren in dem Skandal auf die französische Firma Spanghero, die Pferdefleisch aus Rumänien zu Rinderfleisch umetikettiert und damit Hersteller von Fertigspeisen beliefert haben soll. "Ich weiß nicht, wer hinter all dem steckt, aber ich kann ihnen versichern, wir sind es nicht", sagte Spanghero-Chef Barthelemy Aguerre dem Sender Europe 1. Er kündigte an, die Unschuld seiner Firma zu beweisen. "Ich glaube, die Regierung hat vorschnell gehandelt."

Frankreichs Verbraucherschutzminister Benoit Hamon wirft der Firma vor, ihr könne nicht entgangen sein, dass das aus Rumänien importierte Fleisch viel billiger als Rindfleisch gewesen sei. Zudem gebe es keine Hinweise darauf, dass der rumänische Exporteur das Fleisch falsch deklariert habe. Nach Angaben des Ministers ist Spanghero Teil einer Lebensmittelkette, an der 28 Unternehmen in 13 Ländern beteiligt sind. Spanghero wurde zunächst für zehn Tage die Lizenz zur Fleischverarbeitung entzogen. Die Pariser Behörden haben das Ermittlungsverfahren gegen die Firma aus Castelnaudary bei Toulouse im Südwesten Frankreichs an sich gezogen.

Hamon erhebt auch Vorwürfe gegen den französischen Weiterverarbeiter Comigel, der von Spanghero beliefert wurde. Dort hätte bemerkt werden müssen, dass das Fleisch aus Castelnaudary eine andere Farbe gehabt und anders als Rindfleisch gerochen habe. Comigel versicherte, man sei davon ausgegangen, dass es sich bei den Lieferungen um Rindfleisch gehandelt habe.

COMIGEL HAT AUCH DEUTSCHE FIRMEN BELIEFERT

Comigel hatte auch Kaiser's Tengelmann beliefert und nach Angaben des deutschen Konzerns am Donnerstagabend mitgeteilt, seine Produkte enthielten Pferdefleisch. Kaiser's Tengelmann hatte die Comigel-Produkte unter der Marke A&P-Tiefkühl-Lasagne verkauft. Die Nudelspeise hatte Kaiser's Tengelmann nach ersten Hinweisen schon am 6. Februar aus den Regalen genommen. Ins Rollen kam der Skandal in Irland, wo vergangenen Monat in Rindfleischprodukten Pferdefleisch nachgewiesen wurde.

Nordrhein-Westfalens Verbraucherschutzminister Johannes Remmel sagte im Deutschlandfunk, Eigenproben von Lebensmittelfirmen hätten bei den falsch deklarierten Produkten einen Pferdefleisch-Anteil zwischen fünf und 50 Prozent ergeben. Das Bundesverbraucherschutzministerium begrüßte die von der Europäischen Union beschlossene flächendeckende Überprüfung. "Wir brauchen Klarheit ob der aktuelle Fall nur ein Einzelfall war oder sogar die Spitze eines Eisbergs", sagte Sprecher Holger Eichele.

Innerhalb eines Monats sollen nun 2250 Proben in allen 27 Mitgliedstaaten genommen werden. Zudem soll bei Pferdefleisch geprüft werden, ob es Rückstände von Medikamenten enthält. Dies geht zurück auf die Entdeckung von Phenylbutazon im Fleisch britischer Schlachtpferde. Das Mittel wird Sportpferden gegen Entzündungen verabreicht, darf aber wegen seiner potenziell schädlichen Wirkung auf Menschen nicht bei Schlachttieren angewendet werden. Das britische Pferdefleisch war nach Frankreich exportiert worden.

Allerdings gaben britische Behörden Entwarnung was gesundheitliche Gefahren angeht. Amtstierärztin Sally Davis sagte Reuters-TV, die Konzentration der Arznei sei sehr gering. "Um eine therapeutisch wirksame Dosis aufzunehmen, wie sie auch Patienten bekommen, müsste man zum Beispiel 500 bis 600 große Hamburger aus Pferdefleisch an einem Tag essen", sagte sie.

 
A worker fills up a dumper truck with blocks of meat at French meat processor Spanghero's factory in Castelnaudary near Toulouse, southwestern France, February 15, 2013. REUTERS/Jean-Philippe Arles