Evonik stößt Hintertür zur Börse weit auf

Freitag, 22. Februar 2013, 16:19 Uhr
 

Düsseldorf (Reuters) - Nach mehreren gescheiterten Anläufen geht Evonik jetzt auf Nummer sicher: Schon Ende April soll der Essener Spezialchemiekonzern an der Frankfurter Börse notiert werden.

Doch die meisten zum Verkauf stehenden Aktien werden schon in diesen Wochen bei großen Investoren platziert, wie die beiden Eigentümer, die RAG-Stiftung und der Finanzinvestor CVC, am Freitag mitteilten. Damit sei die Tür für das Erscheinen auf dem Kurszettel "ein weiteres Stück geöffnet", sagte der neue Chef der Stiftung, Werner Müller. "Wir streben dieses Listing für Ende April an", hieß es in einem Brief des Vorstands, der der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt.

Rund zehn Prozent der Evonik-Aktien sollen dann an der Börse notiert sein, wie der RAG-Vorstand an die Mitglieder des Kuratoriums der Stiftung schrieb. Vier Prozent der Papiere sind Finanzkreisen zufolge über die Frankfurter Investmentbank MainFirst schon für 550 Millionen Euro bei großen Anlegern aus dem In- und Ausland gelandet, weitere drei Prozent sollen in den nächsten Wochen noch platziert werden. "Weitere Investoren haben ihr Interesse am Erwerb von Evonik-Aktien bekundet", erklärte das Unternehmen. Über den Preis wurde Stillschweigen vereinbart, die Investoren zahlten aber mehr als Evonik beim letzten Anlauf im Sommer 2012 erlöst hätte. Laut Finanzkreisen gewährt Evonik ihnen einen kleinen Abschlag - denn eine Garantie für den Gang an die Börse bekommen sie nicht.

ANKERAKTIONÄRE SIND IN MODE

Im letzten Schritt vor der Erstnotiz müssten dann nur noch drei Prozent der Evonik-Aktien verkauft werden, um das Ziel des Vorstands zu erreichen. Wenn die Märkte einbrechen sollten oder die Nachfrage schon bei den Großinvestoren hoch genug ist, könnte die breite Platzierung notfalls sogar ausfallen, sagte ein Insider. "Das reduziert das Marktrisiko dramatisch." Ohne die Sicherheit, dass der Börsengang klappt, hätten die Stiftung und CVC den neuen Anlauf nicht gewagt. Im Ausland hatten in den vergangenen Monaten zahlreiche Börsenkandidaten solche Ankeraktionäre vor dem offiziellen IPO ins Boot geholt.

Mut machen den Evonik-Eigentümern die gestiegenen Bewertungen von Chemieunternehmen. Im Sommer 2012 waren die Börsenpläne auf die lange Bank geschoben worden, weil Anleger nicht bereit waren, die Preisvorstellungen der Stiftung zu erfüllen. Damals war Evonik mit zwölf Milliarden Euro bewertet worden - nun sind es mindestens zwei Milliarden Euro mehr. "Da konnten wir nicht beiseite stehen", sagte ein Insider aus dem Umfeld der Eigentümer. Bei einem Firmenwert von 14 Milliarden Euro könnten die mit knapp 75 Prozent beteiligte RAG-Stiftung und der Finanzinvestor CVC mit einem Erlös von rund 1,4 Milliarden Euro rechnen. Für Evonik reicht der Wert der frei verfügbaren Aktien zu einem raschen Einzug in den MDax.

CVC BEKOMMT DIE FREIHEIT

Vor allem der seit viereinhalb Jahren mit 25 Prozent an Evonik beteiligte Investor CVC profitiert von dem Plan. Denn er kann nach der Notierungsaufnahme fast nach Belieben weitere Aktien verkaufen und damit seinen Ausstieg beschleunigen. Bisher hatten die beiden Eigentümer vereinbart, nur zu gleichen Teilen zu verkaufen, ein Jahr nach der Erstnotiz müssen sie sich laut Finanzkreisen gegenseitig informieren. "Die Eigentümer lassen jetzt ein paar Euros liegen, setzen aber auf einen höheren Preis bei Anschlussverkäufen", sagte ein Insider.

Die RAG-Stiftung braucht das Geld erst langfristig. Sie soll von 2018 an mit den Erlösen aus Evonik für die Folgekosten des deutschen Steinkohlebergbaus geradestehen, wenn die öffentlichen Hilfen auslaufen. Milliarden hatte sie bereits mit dem Verkauf von Evonik-Anteilen an CVC eingesammelt. Entworfen hatte dieses Modell der frühere Bundeswirtschaftsminister Werner Müller, der seit Dezember an der Spitze der Stiftung steht. Er nimmt mit dem Börsengang das Projekt in Angriff, an dem sein Vorgänger Wilhelm Bonse-Geuking gescheitert war.

Der Aufwärtstrend an den Börsen beschleunigt auch die Pläne anderer Börsenkandidaten: Der größte deutsche Wohnungskonzern, die Deutsche Annington mit 210.000 Wohnungen, will Finanzkreisen zufolge am 4. Juli an die Börse gehen. Dabei hatte Finanzchef Stefan Kirsten den Schritt erst für das Jahresende in Aussicht gestellt. Das Volumen könnte größer ausfallen als das beim IPO des Rivalen LEG Immobilien, dessen Eigentümer Anfang des Jahres gut 1,3 Milliarden Euro eingesammelt hatten.

Noch im Frühjahr wird die Erstnotiz der Siemens-Lichttochter Osram erwartet, vor der aber nur jene Papiere platziert werden, die die damit beschenkten Siemens-Aktionäre gleich wieder loswerden wollen. Der Gabelstapler-Hersteller Kion könnte noch im ersten Halbjahr folgen. Dagegen lässt sich Rheinmetall nicht anstecken: Ein Börsengang für die Autozuliefertochter KSPG, der schon zweimal abgesagt wurde, sei "für einen überschaubaren Zeitraum" kein Thema, sagte ein Sprecher.

 
Flags of the German chemical company Evonik Industries flutter in the wind at a factory in Darmstadt June 18, 2012. REUTERS/Alex Domanski