SocGen wohl schon im November über Kerviel informiert

Montag, 28. Januar 2008, 19:29 Uhr
 

Paris (Reuters) - Im milliardenschweren Betrugsfall bei der Societe Generale ist die Führung der Bank der Staatsanwaltschaft zufolge schon vor Monaten vor fragwürdigen Geschäften ihres Händlers Jerome Kerviel gewarnt worden.

Mit der Aussage von Staatsanwalt Jean-Claude Marin, das Institut sei bereits im November alarmiert worden, gerät die Führung der Großbank zunehmend unter Druck. Der Händler erklärte Marin zufolge außerdem, bei der Bank sei es wiederholt zu Verstößen gegen die internen Handelsregeln gekommen. Die SocGen hatte nach eigenen Angaben bis vor zehn Tagen keine Kenntnis von den nicht genehmigten Geschäften. Erst bei einer Befragung seiner Vorgesetzten sei die Sache aufgeflogen.

Wie der Staatsanwalt am Montag weiter mitteilte, hat Kerviel zugegeben, seine Aktivitäten vor Vorgesetzten verschleiert zu haben. Der 31-Jährige hat jüngsten Erkenntnissen zufolge mit fast 50 Milliarden Euro jongliert, was lange Zeit unerkannt blieb.

In dem vorliegenden Fall, bei der SocGen ein Schaden von 4,9 Milliarden Euro entstanden sei, habe Kerviel aber allein gehandelt, sagte Marin. SocGen-Chef Daniel Bouton bekräftigte unterdessen, sein Rücktritts-Angebot liege weiter auf dem Tisch. Er hatte dies bereits in der Vorwoche angeboten, der SocGen-Verwaltungsrat lehnte das aber ab.

Unterdessen sagte Wirtschaftsministerin Christine Lagarde, die zweitgrößte Bank des Landes stehe nicht unter Fusions-Zwang. Nach Bekanntwerden des Betrugsfalls hatte es Spekulationen gegeben, SocGen könne von BNP Paribas übernommen werden. An den Finanzmärkten wurde am Montag zudem spekuliert, die britische HSBC könne an SocGen interessiert sein.

Die Citigroup stufte SocGen zu Wochenbeginn auf "verkaufen" von "kaufen" zurück und halbierte das Kursziel auf 65 Euro. Der Aktienkurs gab weitere fünf Prozent auf 70 Euro nach. Ein Anwalt von Kleinaktionären erklärte, er habe die SocGen wegen des Umgangs mit dem Fall verklagt.

Die Terminbörse Eurex warnte nach Angaben von Staatsanwalt Marin die SocGen schon im November 2007 vor Positionen von Kerviel. Die Börse betonte, sie habe sich korrekt verhalten, die Kontrollmechanismen hätten auf allen Ebenen funktioniert. Marin zufolge sprach die Bank den Händler zwar auf die Ungereimtheiten an. Kerviel habe aber ein gefälschtes Dokument vorgelegt, das eine Abdeckung der Risiken vorgetäuscht habe.

Kerviel sagte dem Staatsanwalt zufolge zudem, auch seine Kollegen hätten illegale Geschäfte gemacht. Seit Ende 2005 seien wiederholt interne Beschränkungen zum Handelslimit überschritten worden. In dem vorliegenden Fall habe Kerviel nach eigenen Worten aber allein gehandelt und eingeräumt, seine Geschäfte verschleiert zu haben. Dabei habe der 31-Jährige die Bank nicht schädigen, sondern seine Händler-Reputation aufpolieren wollen. Der Anwalt Kerviels sagte Reuters, sein Mandant habe "nicht einen Cent" für sich genommen. Es gehöre nun einmal zur Arbeit von Händlern, dass sie Risiken eingingen.

Frankreichs Notenbankchef Christian Noyer erklärte, er habe die Regierung erst mit Verzögerung über den Fall informiert. Damit habe er verhindern wollen, dass durch undichte Stellen vorab Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, während die SocGen die Geschäfte Kerviels nach dessen Suspendierung abgewickelt habe. Er sei am 20. Januar über die Vorfälle informiert worden und habe die Regierung am 23. Januar in Kenntnis gesetzt. Die SocGen hatte über den Fall erstmals am 24. Januar berichtet und erklärt, die Positionen seien am 19. und 20. Januar entdeckt und in den Tagen darauf verkauft worden.

Am Sonntagabend hatte die Bank erstmals Details offen gelegt. Demnach soll Kerviel Positionen im Wert von etwa 50 Milliarden Euro aufgebaut und durch fiktive Transaktionen verborgen haben. Er habe Hunderttausende verborgene Geschäfte abgewickelt und Absicherungen vorgetäuscht, so dass Verluste dem Anschein nach ausgeglichen worden seien, hieß es. "Der Spiegel" hatte berichtet, Kerviel habe dabei auch eine Riesenwette auf den Dax abgeschlossen. Demnach habe er zu Jahresbeginn schätzungsweise 140.000 Dax-Futures gekauft. Wegen der jüngsten Talfahrt an den Börsen habe die Bank mit den Terminkontrakten aber massive Verluste eingefahren.