Daimler baut Mercedes-Werk im Billiglohnland Ungarn

Mittwoch, 18. Juni 2008, 13:13 Uhr
 

Stuttgart (Reuters) - Als letzter großer Autobauer produziert künftig auch Daimler in Osteuropa.

Im Billiglohnland Ungarn soll für 800 Millionen Euro ein neues Werk für Kompaktwagen errichtet werden, wie der Konzern am Mittwoch in Stuttgart ankündigte. Die günstigere Fertigung soll dazu beitragen, dass Daimler im Geschäft mit verbrauchsärmeren Pkw mit der Konkurrenz aus Deutschland, Korea und Japan mithalten kann. Weitere 600 Millionen Euro sollen in das Kompaktwagenwerk Rastatt fließen. Ziel der Investitionen ist es, die Palette auf vier statt bisher zwei Modelle der A- und B-Klasse zu erweitern.

Daimler ist der einzige namhafte Autobauer ohne Pkw-Produktion in Osteuropa, wo die Nachfrage mit dem zunehmendem Wohlstand rasant wächst und die Lohnkosten deutlich niedriger sind als in Westeuropa. Kompaktwagen mit zwei und vier Türen baut Daimler derzeit nur im badischen Rastatt, ab 2010 sollen auch im ungarischen Kecskemet die Modelle mit Frontantrieb vom Band rollen.

2007 verkaufte der Konzern rund 275.000 Wagen der A- und B-Klasse. Angesichts der im Vergleich mit Oberklasse-Fahrzeugen deutlich geringeren Gewinnmarge der Kompaktwagen muss Daimler die Produktion ausweiten, um über höhere Stückzahlen die Rentabilität zu verbessern. Die Modellpalette könnte um ein Coupe und einen Geländewagen erweitert werden, hieß es.

Als neuen Produktionsstandort wählte der Daimler-Vorstand nach monatelangen Beratungen den ungarischen Ort Kecskemet 80 Kilometer südöstlich von Budapest aus. Bis zu 2500 Beschäftigte sollen dort zwei der vier geplanten Kompakt-Modelle montieren. Im Stammwerk Rastatt bei Karlsruhe mit derzeit 6000 Beschäftigten sollen künftig drei der vier Modelle gebaut werden.

UNGARN SETZT SICH GEGEN POLEN UND RUMÄNIEN DURCH

Mit dem neuen Standort in Ungarn will Daimler vor allem die Märkte in Osteuropa bedienen. Aber auch der Export nach Nordamerika ist wahrscheinlich, wo verbrauchsärmere Fahrzeuge mit kleineren Motoren wegen der steigenden Treibstoffpreise immer beliebter werden. "Die neuen Modelle der A- und B-Klasse werden US-marktfähig sein", sagte ein Mercedes-Sprecher. Bislang lohnt sich der wegen der hohen Produktionskosten und des starken Euro der Transport der margenschwachen Kompaktwagen über den Atlantik nicht. Seit Jahresanfang verkauft Daimler bereits das neue Modell des Kleinstwagens Smart in einigen Städten der USA.

In Ungarn kann Daimler zu Lohnkosten von rund fünf Euro die Stunde produzieren und von einer guten Infrastruktur profitieren. Geplant ist eine Jahresproduktion von mindestens 100.000 Fahrzeugen. Mit Rastatt ist das Werk in Kecskemet durchgängig per Autobahn verbunden. Ungarn habe sich mit geringen Lohnkosten und gut ausgebildeten Facharbeitern gegen drei Standorte in Rumänien und in Polen durchgesetzt, erläuterte das Unternehmen. Über die Höhe der staatlichen Zuschüsse machte Daimler keine Angaben.

Mit dem Schritt nach Osteuropa folgt Daimler erst spät der Konkurrenz. Volkswagen eröffnete Ende 2007 sein erstes Werk in Kaluga nahe Moskau, um den stark wachsenden russischen Markt zu beliefern, Audi produziert mit fast 6000 Beschäftigten im ungarischen Györ. Zudem ist die tschechische VW-Tochter Skoda stark in Osteuropa vertreten. BMW montiert Fahrzeuge im russischen Kaliningrad, auch Renault, PSA Peugeot Citroen, GM und Toyota fertigen zum Teil schon länger in Osteuropa.