Ölpreis über 135 Dollar - Wirtschaft bleibt gelassen
Berlin (Reuters) - Der explodierende Ölpreis wird immer mehr zur Belastungsprobe für die deutsche Wirtschaft.
Er durchbrach am Donnerstag mit 135 Dollar eine weitere Schallmauer und schnellte damit binnen 24 Stunden um mehr als fünf Dollar nach oben. Wirtschaftsvertreter und Experten erwarteten zwar nicht, dass der hohe Ölpreis die deutsche Konjunktur abwürgen könnten. Allerdings dürfte der Konsum unter den immer weiter steigenden Spritpreisen leiden. Autofahrer mussten zuletzt je Liter Benzin oder Diesel etwa 1,52 Euro zahlen und ließen damit mehr Geld an den Tankstellen als je zuvor. "Der Staat muss etwas tun: wir brauchen dringend Steuererleichterungen", forderte Außenhandelspräsident Anton Börner.
BDI-Volkswirt Reinhard Kudiß mahnte: "Wir können uns natürlich nicht jeden Tag weitere fünf Dollar beim Ölpreis leisten." Experten waren sich aber einig, dass die Gefahr eines Einbruchs der deutschen Konjunktur nicht besteht. Börner sieht gar trotz der jüngsten Ölpreisrekorde die Perspektiven für das deutschen Wirtschaftswachstum und die Exportentwicklung noch etwas günstiger als bisher.
Eine milliardenschwere Sonderkonjunktur bringen die explodierenden Ölpreise Schienenunternehmen wie der Deutschen Bahn, der Solarbranche oder vielen Exporteuren. "Es rechnet sich zunehmend, auf die Schiene umzusteigen", sagte Dirk Flege, Geschäftsführer der "Allianz pro Schiene". Besonders der Güterverkehr werde gewinnen. Auch der Bundesverband Solarwirtschaft verzeichnet ein massiv steigendes Interesse an Sonnenenergie. Verbraucher suchten zunehmend nach bezahlbaren Alternativen zum Öl, sagte Verbandspräsident Carsten Körnig. Exporteure profitieren wiederum von den höheren Einnahmen der Ölförderländer etwa im Nahen Osten, die besonders viele Investitionsgüter in Deutschland kaufen.
Die Frage, inwiefern der Preisanstieg beim "schwarzen Gold"
die Politik zum Gegensteuern veranlassen sollte, ist in der Wirtschaft strittig. "Ich glaube, international kann man gar nichts zur Bekämpfung des Ölpreisanstiegs tun", sagte Börner zu Reuters. Die Fraktionsvize der Grünen, Bärbel Höhn, hatte einen Krisengipfel ins Gespräch gebracht, um dem Preisanstieg und seinen Folgen zu begegnen.
National forderte Börner von der Regierung schnelles Handeln. Steuererleichterungen seien nötig, um den Belastungen des Konsums durch hohe Sprit- und Energiepreise entgegenzuwirken und den Konsum zu stützen. Der Staat müsse Extragewinne aus dieser Entwicklung an die Bürger zurückgeben. DIHK-Chefvolkswirt Volker Treier dagegen plädierte dafür, Forderungen nach Steuererleichterungen unabhängig von der Entwicklung des Ölpreises zu behandeln.
ANSTIEG HAT SICH VERSELBSTÄNDIGT
Marktexperten sehen in dem Preisanstieg eine sich verselbständigende Entwicklung. "Der Ölpreis steigt, weil er steigt, weil er steigt...", sagte Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg. Eine Obergrenze sei nicht in Sicht. In der Spitze kostete ein Fass leichtes US-Öl 135,09 Dollar, die in Europa führende Nordseesorte Brent verteuerte sich auf 135,14 Dollar. Das ist das zehnte Rekordhoch in den vergangenen 14 Handelstagen. Uneins sind sich die Experten in der Wirtschaft, wie sich der Ölpreis weiter entwickelt. Börner rechnet zunächst bis Herbst mit einem Anstieg auf etwa 150 Dollar, ehe es dann im nächsten oder übernächsten Jahr in Richtung 100 Dollar gehen werde. Dagegen hält Treier "das Ende der Fahnenstange" für nahe. Fortsetzung...


