Weitere Proteste von Tibetern - China will durchgreifen
Peking/Berlin (Reuters) - Trotz des harten Durchgreifens der chinesischen Sicherheitskräfte haben die Tibeter am Sonntag ihre Proteste ausgeweitet.
Während die Polizei mit einem massiven Aufgebot in der tibetischen Hauptstadt Lhasa für Ruhe sorgte, kam es in der benachbarten Provinz Sichuan zu Unruhen. Polizisten stürmten dort ein Kloster, in dem Tausende Mönche gegen die Tibet-Politik Chinas protestierten, wie das tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD) mitteilte. Die Regierung in Peking rief einem Zeitungsbericht zufolge einen "Volkskrieg gegen den Separatismus" aus. Bis Sonntag wurden bei den Unruhen in Lhasa nach Angaben der tibetischen Exilregierung 80 Menschen getötet. Die chinesischen Behörden sprachen dagegen von zehn Toten. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, forderte Untersuchungen, ob in Tibet ein "kultureller Völkermord" verübt werde.
Das TCHRD teilte mit, in dem Kloster Amdo Ngaba Kirti hätten die Mönche nach ihren Gebeten Slogans für die Unabhängigkeit Tibets gerufen und die verbotene tibetische Flagge gehisst. Daraufhin hätten Sicherheitskräfte das Gelände gestürmt und die Menge mit Tränengas auseinandergetrieben. Der Bericht konnte von unabhängiger Seite nicht bestätigt werden. Eine Polizistin sagte der Nachrichtenagentur Reuters, etwa 200 Tibeter hätten im Bezirk Aba in Sichuan ein Polizeirevier in Brand gesteckt und Sicherheitskräfte mit Steinen beworfen.
In Lhasa berichteten Augenzeugen, nach erneuten Umruhen in der Nacht, sei am Sonntag Ruhe eingekehrt. Überall in den Straßen seien mit Helmen und Schutzschilden ausgerüstete Bereitschaftspolizisten unterwegs gewesen. Bewohner berichteten, sie trauten sich aus Angst nicht auf die Straßen. "Es gibt nichts, wofür wir uns jetzt nach draußen wagen würden", sagte eine Geschäftsfrau aus dem Stadtzentrum.
Die chinesische Regierung kündigte an, weiterhin hart gegen Demonstranten vorzugehen. Die Sicherheitsvorkehrungen in der Region müssten verschärft und die Unterstützung für den Dalai Lama untergraben werden, beschloss ein Treffen hochrangiger chinesischer Regional- und Sicherheitsbeamter, wie die amtliche "Tibeter Zeitung" am Sonntag berichtete. Dem Blatt zufolge will die Regierung in Peking auch mit Hilfe regierungstreuer buddhistischer Mönche gegen die Proteste und gegen den Dalai Lama Stimmung machen. Vertreter von Polizei und Armee rechtfertigten das hartes Vorgehen. "Wir gehen diese Konflikte und Probleme auf geeignete Weise an. unsere Regierung geht damit angemessen um", sagte Zhang Wentai, ein ranghoher Offizier der chinesischen Volksbefreiungsarmee, der Nachrichtenagentur Reuters.
Der Dalai Lama warf China vor, Frieden mit Gewalt durchsetzen zu wollen. Er fordert eine Untersuchung, ob in Tibet "absichtlich oder unabsichtlich ein kultureller Völkermord stattfindet". "Die tibetische Nation steht vor einer großen Gefahr", sagte der Friedensnobelpreisträger aus seinem Exil im indischen Dharamsala. Er bekräftigte, dass er weiterhin für eine Autonomie Tibets innerhalb von China eintrete. Zugleich sprach er sich gegen einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking aus, wie ihn der US-Schauspieler Richard Gere gefordert hat. China habe die Spiele verdient. Die internationale Gemeinschaft habe aber die moralische Verantwortung, China daran zu erinnern, ein guter Gastgeber für die Spiele zu sein.
Die Bundesregierung und die USA kritisierten die Gewalt in Tibet. Gewalt - egal von welcher Seite - führe zu keiner Lösung, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Samstag. Sie forderte einen "friedlichen und direkten Dialog" zwischen der chinesischen Regierung und dem Dalai Lama. Von einem Olympia-Boykott halte sie nichts, sagte Merkel der "Bild"-Zeitung. Dahinter stehe Merkels Einschätzung, dass mit einem Boykott das Gegenteil des Erwünschten erreicht werde, berichtete die Zeitung.
US-Außenministerin Condoleezza Rice rief sie die Regierung in Peking zudem auf, die "Mönche und alle anderen freizulassen, die allein für ihre friedlich vorgetragenen Ansichten verhaftet wurden".
Der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, zeigte sich besorgt über die Gewalt. In einem Interview der Zeitung "Tagesspiegel am Sonntag" war er jedoch optimistisch, dass die Ereignisse zu keinem Image-Schaden der Olympischen Spiele führen würden. Die Möglichkeiten des IOCs, auf China einzuwirken, seien jedoch äußerst begrenzt. Fortsetzung...

