Ausland | Dienstag, 6. November 2012, 17:22 Uhr

Tag der Wahrheit für Obama und Romney

Washington Für Barack Obama und Mitt Romney ist der Tag der Entscheidung gekommen.

Dem US-Präsidenten und seinem Herausforderer steht bei der Wahl am Dienstag eine Zitterpartie bevor. Ausschlaggebend werden die Staaten sein, in denen viele Wechselwähler leben. Umfragen zufolge hat Obama in mehreren der Schlüsselstaaten leichte Vorteile, doch ob das reicht, ist ungewiss. Einen Vorgeschmack auf das enge Rennen ergab das erste Ergebnis, das am Morgen vorlag: In dem Dorf Dixville Notch im Bundesstaat New Hampshire erhielten beide Kandidaten je fünf Stimmen. Gut 100 Kilometer südlich in Hart's Location ging die Abstimmung allerdings 23 zu 9 für Obama aus.

New Hampshire ist einer der etwa zehn sogenannten Swing States. Im Fokus steht aber vor allem Ohio, das wegen seiner vielfältigen Wirtschafts- und Sozialstruktur als repräsentativ für die gesamten USA gilt. Für Romney ist ein Sieg in dem Bundesstaat praktisch unverzichtbar. Noch nie hat ein Republikaner ohne einen Sieg in Ohio die Präsidentenwahl gewonnen. In Umfragen aber liegt Obama dort seit Monaten vorne. Dies liegt auch daran, dass er als Präsident mit milliardenschweren Staatshilfen in Zeiten der schwersten Wirtschaftskrise seit gut 80 Jahren die Autoindustrie vor dem Zusammenbruch bewahrte und so viele Jobs in der Region sicherte. Einen Tag vor der Wahl betrug sein Vorsprung vier Punkte.

"ICH HABE EIN GUTES GEFÜHL"

Romney zeigte sich bei der Stimmabgabe am Morgen in einem Vorort von Boston zuversichtlich. "Ich habe ein gutes Gefühl, was Ohio betrifft", sagte er. Der Republikaner wollte noch zwei Wahlkampf-Auftritte absolvieren, darunter einen in Ohio. Obama hatte bereits im Oktober gewählt. Sein Stellvertreter Joe Biden reihte sich am Dienstag in seinem Heimatstaat Delaware stundenlang in eine Schlange vor dem Wahlbüro ein. Auch er zeigte sich siegesgewiss.

Der Ausgang in den einzelnen Staaten ist wichtig, denn am Ende ist nicht entscheidend, wer landesweit die meisten Stimmen insgesamt bekommen hat, sondern wer sich die meisten Wahlleute sichern kann. Sie werden über die Bundesstaaten vergeben. Dort gilt in der Regel das Prinzip: Wer die meisten Stimmen erhält, bekommt alle Wahlleute dieses Staats zugesprochen, während der Verlierer leer ausgeht. Für den Wahlsieg benötigt ein Bewerber mindestens 270 Wahlleute. In Ohio geht es um 18. Bei der Wahl 2000 hatte der demokratische Kandidat Al Gore landesweit mehr Stimmen als der Republikaner George W. Bush. Bush gewann aber, weil er mehr Wahlleute auf sich vereinigt hatte.

In Ohio schließen die Wahllokale um 01.30 Uhr MEZ Mittwochmorgen. Offizielle Ergebnisse sollen zwar erst ein paar Stunden später vorliegen, wenn auch die letzten Bürger in Alaska abgestimmt haben. Doch Nachwahlbefragungen könnten bereits in der Nacht einen Trend aufzeigen.

Angesichts des erwarteten knappen Ausgangs ist nicht auszuschließen, dass es zu einer ähnlichen Hängepartie wie vor zwölf Jahren kommt. Damals hing alles vom Ergebnis in Florida ab. Am Ende lag Bush dort nur mit 537 Stimmen vor Gore und wurde Präsident.

IM KONGRESS DROHT BLOCKADE

Obama und Romney bemühten sich bis zuletzt in einem von der Krise am Arbeitsmarkt bestimmten Wahlkampf um Stimmen der vielen noch unentschiedenen Bürger - und darum, eine hohe Wahlbeteiligung ihrer Anhänger sicherzustellen. Vor allem im Nordosten des Landes, wo viele Menschen immer noch unter den Folgen des Sturms "Sandy" leiden und zahlreiche Wahllokale zerstört wurden, war unklar, wie viele Bürger tatsächlich ihre Stimme abgeben.

Im Bundesstaat New York durften Betroffene deshalb auf andere Wahllokale ausweichen. In New Jersey erlaubten die Behörden obdachlos gewordenen Bürgern die Stimmabgabe per E-Mail. Was gut gemeint ist, könnte jedoch Klagen nach sich ziehen. Auch in anderen Gegenden wurden Unregelmäßigkeiten beklagt, etwa in Florida, wo am Wochenende viele Wähler, die ihre Stimme früher abgeben wollten, stundenlang anstehen mussten.

Etwas im Schatten der Präsidentenwahl stand die zeitgleich stattfindende Kongresswahl. Das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Kammern wird entscheidenden Einfluss darauf haben, wie effektiv der neue Präsident regieren kann. Es zeichnet sich ab, dass der Senat knapp in der Hand der Demokraten bleibt, während die Republikaner das Repräsentantenhaus halten dürften. Damit droht eine Blockade wie in den vergangenen beiden Jahren.

X