Ausland | Dienstag, 6. November 2012, 18:38 Uhr

"Sandy"-Schäden führen zu Verzögerungen bei US-Wahl

Washington Die Wahlen in den USA sind in den vom Sturm "Sandy" betroffenen Gebieten mit Verzögerungen angelaufen.

In einigen Teilen der Bundesstaaten New York und New Jersey standen obdachlos gewordene Bürger Schlange, während Helfer in improvisierten Wahlbüros mit störrischen Stromgeneratoren kämpften oder nach den richtigen Wahlzetteln suchten. Insgesamt dürften über neun Zeitzonen hinweg 120 Millionen der etwa 310 Millionen US-Bürger ihre Stimme für Präsident Barack Obama oder seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney abgeben. Umfragen zufolge liefern sich die beiden Politiker ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Allerdings wurden Vorteile für Obama in den entscheidenden Bundesstaaten erwartet. Ein Ergebnis könnte in der Nacht zum Mittwoch vorliegen. Experten schlossen eine Hängerpartie jedoch nicht aus.

Im New Yorker Bezirk Queens wurde ein ungeheiztes Zelt als improvisiertes Wahllokal benutzt. Nach Problemen mit den Generatoren fing die Abstimmung mit einer halben Stunde Verzögerung an. "Wir wollten die ersten sein", sagte am frühen Morgen eine 34-jährige Frau, die seit dem Sturm bei Verwandten wohnt. "Wenn erst mal die Sonne aufgeht, bricht hier der Wahnsinn aus." In einem Wahllokal in Manhattan waren die Stimmzettel zunächst nicht auffindbar.

Stellenweise sorgte eine Anordnung des Gouverneurs von New York Andrew Cuomo für Verwirrung, nach der die Bürger mit einer eidesstattlichen Erklärung an jedem Lokal ihre Stimme abgeben konnten. Auch reguläre Wähler erhielten daraufhin zum Teil die zusätzlichen Unterlagen. Im benachbarten New Jersey wurden die von "Sandy" Betroffenen unterdessen wie Auslandswähler einstuft und konnten ihre Stimme per Fax oder E-Mail abgeben.

In den USA wird der Präsident nicht in einer landesweiten Wahl bestimmt, sondern über einzelne Abstimmungen in den Bundesstaaten. Der Sieger erhält dabei meist alle Wahlmännerstimmen eines Staates. Wegen des großen Vorsprungs von Obama in New Jersey und New York dürften die Folgen von "Sandy" keine Auswirkungen auf das Endergebnis haben.

ALLE AUGEN AUF OHIO - ROMNEY: "ICH HABE EIN GUTES GEFÜHL"

Von kritischer Bedeutung besonders für Romney war jedoch der Ausgang im Bundesstaat Ohio, einem der "swing states" mit einem unsicheren Ausgang und dazu noch mit vielen Wahlmännern. "Ich habe ein gutes Gefühl, was Ohio betrifft", sagte Romney bei seiner Stimmabgabe in einem Vorort von Boston. Der Republikaner wollte noch im Laufe des Tages zwei Wahlkampf-Auftritte absolvieren, darunter einen in Ohio.

Obama hatte im Oktober gewählt. Er besuchte ein Wahlkampfbüro und bedankte sich per Telefon bei Anhängern für ihre freiwillige Arbeit. Obamas Stellvertreter Joe Biden reihte sich am Dienstag in seinem Heimatstaat Delaware stundenlang in eine Schlange vor dem Wahlbüro ein. Auch er zeigte sich siegesgewiss.

Während Obama laut Umfragen in Ohio knapp führte, zeigten landesweit die jüngsten Reuters/Ipsos-Umfragen über Tage hinweg faktisch ein Patt. Einen Vorgeschmack auf das enge Rennen gab das erste Ergebnis des Tages: In dem Dorf Dixville Notch im Bundesstaat New Hampshire erhielten beide Kandidaten je fünf Stimmen. Gut 100 Kilometer südlich in Hart's Location ging die Abstimmung allerdings 23 zu 9 für Obama aus. Auch New Hampshire ist ein Swing State, mit vier Wahlleuten jedoch von nachgeordneter Bedeutung.

MÄRKTE FÜRCHTEN UNKLAREN AUSGANG

Die ersten Wahllokale sollten um Mitternacht MEZ schließen, die letzten in Alaska gegen 06.00 Uhr MEZ. In den meisten der großen Bundessstaaten im Westen wie Kalifornien oder Texas galt der Ausgang als sicher, weswegen mit besonderer Spannung auf Staaten in der östlichen Landeshälfte wie Ohio oder Florida geschaut wurde. Angesichts des insgesamt erwarteten knappen Ausgangs war nicht auszuschließen, dass es zu einer ähnlichen Hängepartie kommen könnte wie vor zwölf Jahren. Damals hing alles von Florida ab. Am Ende lag der Republikaner George W. Bush dort nur mit 537 Stimmen vor Gore und wurde Präsident.

An den Märkten wurde ein unklarer Ausgang als das schlechtmöglichste Ergebnis gesehen. "Wenn wir am Mittwoch aufwachen und das Ergebnis noch nicht kennen, heißt das auch, dass die 'Haushaltsklippe' erst später angegangen wird", sagte Art Hogan von Lazard Capital Markets. Mit der "fiscal cliff" werden drohende automatische Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen zum Jahresende bezeichnet, die das Land in eine Rezession reißen könnten.

Entsprechend wurde auch mit Spannung auf die Kongresswahl geschaut, wo wie alle zwei Jahre das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu bestimmt wurden. Hier dürften sich Umfragen zufolge die Machtverhältnisse nicht ändern: Die Kontrolle der Republikaner über das Repräsentantenhaus und eine knappe Mehrheit für die Demokraten im Senat. Die beiden Parteien haben sich in den vergangenen Jahren wiederholt unversöhnlich gegenübergestanden und damit Gesetze blockiert. Dieses Problem dürfte sich unabhängig von dem Ausgang der Präsidentenwahl fortsetzen.

Neben den Wahlen auf Bundesebene wird auch auf Landes- und Kommunalebene abgestimmt. Elf Gouverneursposten und mehr als 6000 Sitze in den Parlamenten der Bundesstaaten stehen zur Wahl. Dazu kommen mehr als 170 Volksentscheide, bei denen es je nach Bundsstaat über die Abschaffung der Todesstrafe, die Einführung von Sterbehilfe, Homo-Ehe, die Legalisierung von Haschisch oder die Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln geht.

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