Edition:
Deutschland
Ausland | Dienstag, 6. November 2012, 21:01 Uhr

Wahlkampf bis zur letzten Minute in den USA

Washington Am Tag der US-Präsidentenwahl haben die Kandidaten bis zur letzten Minute die Bürger mit Anrufen, Auftritten und Anzeigen zur Stimmabgabe gedrängt.

Während Amtsinhaber Barack Obama am Dienstag Anhänger anrief und über Radiosender zur Abstimmung aufforderte, landeten die anderen drei wichtigsten Kandidaten in kurzer Folge am Flughafen von Cleveland im besonders wichtigen Bundesstaat Ohio. Hier könnte in diesem Jahr die Wahl entschieden werden. Umfragen zufolge liefern sich Obama und sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney landesweit ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Allerdings wurden Vorteile für Obama in den entscheidenden Bundesstaaten erwartet. Ein Ergebnis könnte in der Nacht zum Mittwoch vorliegen. Experten schlossen eine Hängerpartie jedoch nicht aus.

In Cleveland landete nur Minuten nach Romney die "Air Force Two" mit Vize-Präsident Joe Biden an Bord. Romney blieb an Bord, bis der Demokrat in seinem Autokorso aufbrach. Anschließend landete der republikanische Bewerber für den Vizeposten, Paul Ryan. "Das fasst zusammen, was heute los ist", sagte die Vize-Managerin von Obamas Wahlkampfteam, Stephanie Cutter, dem Sender Fox News. "Jeder kämpft um die letzte Stimme."

OBAMA RUFT BEIM HIP-HOP SENDER AN - BASKETBALL GEPLANT

Ohio ist in diesem Jahr der wohl wichtigste Bundesstaat: Er gehört zu den "swing states" mit einem unsicheren Ausgang und dazu noch mit vielen Wahlmännern. Über diese und nicht über eine landesweite Wahl wird in den USA der Präsident bestimmt. Der Sieger in einem Bundesstaat erhält dabei meist alle dessen Wahlmännerstimmen. "Ich habe ein gutes Gefühl, was Ohio betrifft", sagte Romney bei seiner Stimmabgabe in einem Vorort von Boston. Umfragen zufolge führte allerdings Obama knapp in Ohio.

Der Präsident hatte bereits im Oktober gewählt. Er besuchte am Dienstag ein Wahlkampfbüro und bedankte sich per Telefon bei Anhängern für ihre freiwillige Arbeit. Während eines Anrufs bei einem Hip-Hop-Radiosender in Florida rief er die schwarzen Amerikaner auf, ihre Stimme abzugeben. Im Laufe des Tages sollte Obama auch Basketball spielen.

In den vom Sturm "Sandy" betroffenen Gebieten im Nordosten der USA kam es zunächst zu Verzögerungen. Im New Yorker Bezirk Queens wurde ein ungeheiztes Zelt als improvisiertes Wahllokal benutzt. Nach Problemen mit den Generatoren fing die Abstimmung mit einer halben Stunde Verzögerung an. "Wir wollten die ersten sein", sagte am frühen Morgen eine 34-jährige Frau, die seit dem Sturm bei Verwandten wohnt. "Wenn erst mal die Sonne aufgeht, bricht hier der Wahnsinn aus." In einem Wahllokal in Manhattan waren die Stimmzettel zunächst nicht auffindbar.

MÄRKTE FÜRCHTEN UNKLAREN AUSGANG

Die ersten Wahllokale sollten um Mitternacht MEZ schließen, die letzten in Alaska gegen 06.00 Uhr MEZ am Mittwoch. In den meisten der großen Bundessstaaten im Westen wie Kalifornien oder Texas galt der Ausgang als sicher, weswegen mit besonderer Spannung auf Staaten in der östlichen Landeshälfte wie Ohio oder Florida geschaut wurde. Angesichts des insgesamt erwarteten knappen Ausgangs war nicht auszuschließen, dass es zu einer ähnlichen Hängepartie kommen könnte wie vor zwölf Jahren. Damals hing alles von Florida ab. Am Ende lag der Republikaner George W. Bush dort nur mit 537 Stimmen vor Gore und wurde Präsident.

Einen Vorgeschmack auf das enge Rennen gab das erste Ergebnis des Tages: In dem Dorf Dixville Notch im Bundesstaat New Hampshire erhielten beide Kandidaten je fünf Stimmen. Gut 100 Kilometer südlich in Hart's Location ging die Abstimmung allerdings 23 zu 9 für Obama aus. Auch New Hampshire ist ein Swing State, mit vier Wahlleuten jedoch von nachgeordneter Bedeutung.

An den Märkten wurde ein unklarer Ausgang als das schlechtmöglichste Ergebnis gesehen. "Wenn wir am Mittwoch aufwachen und das Ergebnis noch nicht kennen, heißt das auch, dass die 'Haushaltsklippe' erst später angegangen wird", sagte Art Hogan von Lazard Capital Markets. Mit der "fiscal cliff" werden drohende automatische Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen zum Jahresende bezeichnet, die das Land in eine Rezession reißen könnten.

BLOCKADE IM KONGRESS DÜRFTE BLEIBEN

Entsprechend wurde auch mit Spannung auf die Kongresswahl geschaut, wo wie alle zwei Jahre das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu bestimmt wurden. Hier dürften sich Umfragen zufolge die Machtverhältnisse nicht ändern: Die Kontrolle der Republikaner über das Repräsentantenhaus und eine knappe Mehrheit für die Demokraten im Senat. Die beiden Parteien haben sich in den vergangenen Jahren wiederholt unversöhnlich gegenübergestanden und damit Gesetze blockiert. Dieses Problem dürfte sich unabhängig von dem Ausgang der Präsidentenwahl fortsetzen.

Insgesamt dürften über neun Zeitzonen hinweg 120 Millionen der etwa 310 Millionen US-Bürger ihre Stimme für Obama oder Romney abgeben. Neben den Wahlen auf Bundesebene wird auch auf Landes- und Kommunalebene abgestimmt. Elf Gouverneursposten und mehr als 6000 Sitze in den Parlamenten der Bundesstaaten stehen zur Wahl. Dazu kommen mehr als 170 Volksentscheide, bei denen es je nach Bundsstaat über die Abschaffung der Todesstrafe, die Einführung von Sterbehilfe, Homo-Ehe, die Legalisierung von Haschisch oder die Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln geht.

X