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Ausland | Montag, 11. Februar 2013, 17:40 Uhr

Papst tritt zurück - "Kräfte nicht mehr geeignet"

Vatikan-Stadt Papst Benedikt XVI. gibt Ende Februar sein Amt ab.

Mit seiner Ankündigung überraschte das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche am Montag die Welt und selbst enge Mitarbeiter. Der 85-Jährige begründete seine Entscheidung mit nachlassenden Kräften wegen seines hohen Alters. Der Nachfolger Benedikts soll nach Angaben eines Vatikan-Sprechers noch vor Ostern gewählt werden, dem höchsten Feiertag der katholischen Kirche. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach dem Papst "allerhöchsten Respekt" aus und würdigte, dass er den Dialog der Kirchen gefördert sowie Juden und Muslimen die Hand gereicht habe.

Joseph Kardinal Ratzinger war im April 2005 zum Oberhaupt der rund 1,2 Milliarden Katholiken gewählt worden. Zuvor war der Deutsche Präfekt der Glaubenskongregation. In der Geschichte der römisch-katholischen Kirche war zuvor mit Coelestin V. 1294 erst ein Papst freiwillig aus dem Amt geschieden. Er hatte die Kirche nur etwa fünf Monate geleitet.

Benedikt gab seine Entscheidung vor dem Konsistorium, der Kardinalsversammlung, bekannt. Nachdem er wiederholt sein Gewissen vor Gott geprüft habe, sei er zur Gewissheit gelangt, "dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben", heißt es in der vom Vatikan veröffentlichten Erklärung. "Im Bewusstsein des Ernstes dieses Aktes erkläre ich daher mit voller Freiheit, auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, das mir durch die Hand der Kardinäle am 19. April 2005 anvertraut wurde, zu verzichten, so dass ab dem 28. Februar 2013, um 20.00 Uhr, der Bischofssitz von Rom, der Stuhl des heiligen Petrus, vakant sein wird." In Zukunft wolle er der Heiligen Kirche Gottes durch ein Leben im Gebet dienen.

NUR WENIGE VERTRAUTE WAREN INFORMIERT

In seine Entscheidung hat Papst Benedikt offenbar nur wenige engste Vertraute einbezogen. "Es hat uns überrascht", sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Der Papst habe sich ohne Druck von außen aus freien Stücken zu dem Schritt entschlossen. Es gebe auch keine besondere Krankheit als Anlass dafür, lediglich Altersgründe. Der Papst habe möglicherweise die Anstrengungen der Osterfeierlichkeiten vermeiden wollen. Eine Spaltung der Kirche befürchte der Papst durch seinen Rücktritt nicht, sagte der Sprecher. Er sei sich aber der großen Probleme bewusst, vor der die römisch-katholische Kirche stehe.

Benedikt werde nach seinem Rücktritt zunächst in die päpstliche Sommerresidenz Castel Gandolfo reisen und sich später in ein Kloster im Vatikan zurückziehen, sagte sein Sprecher. Am Konklave zur Wahl seines Nachfolgers werde er nicht teilnehmen.

DEUTSCHE POLITIKER ZOLLEN PAPST BENEDIKT RESPEKT

Merkel erklärte in Berlin: "In unserem Zeitalter immer längeren Lebens werden viele Menschen nachvollziehen können, wie sich auch der Papst mit den Bürden des Alterns auseinandersetzen muss." Bundespräsident Joachim Gauck sagte: "Für diesen historisch höchst seltenen Entschluss sind großer Mut und Selbstreflexion nötig." Der Bundespräsident würdigte vor allem, dass der Papst mit seiner einfachen Sprache auch Nicht-Katholiken den Weg zum Glauben geöffnet habe.

"Papst Benedikt war in vieler Hinsicht ein Pontifex - ein Brückenbauer", betonte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) wies darauf hin, dass das Amt an der Spitze der Weltkirche einen Menschen erfordere, der körperlich gesund sei. Bei Begegnungen mit dem Papst habe man die Diskrepanz zwischen dessen wachem Geist und den schwindenden körperlichen Kräften bemerkt, sagte ZdK-Generalsekretär Stefan Vesper. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) würdigte Benedikts Auftritt im Augustinerkloster zu Erfurt 2011, wo dieser an einer Lutherstätte die existenzielle Frage Martin Luthers "Wie bekomme ich einen gnädigen Gott" in eindrucksvoller Weise aufgenommen habe, sagte der EKD-Vorsitzende Nikolaus Schneider.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer sagte: "Mit seiner charismatischen Ausstrahlung und seinem unermüdlichen Einsatz für das Wohl der Kirche hat der Papst aus Bayern die Menschen in aller Welt begeistert." Die SPD-Generalsekretärin und Katholikin Andrea Nahles sagte, mit seinem gesamten theologischen Werk sei der Papst "mit aller Überzeugung" dafür eingetreten, "dass der christliche Glaube nicht nur Bekenntnis fordert, sondern auch Vernunft und Verantwortung". Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck, fand indes kritische Worte. "Das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. war eine verpasste Chance", schrieb er auf seiner Facebook-Seite.

GELOBT ALS TRADITIONALIST - VON REFORMERN HEFTIG KRITISIERT

Der Bruder des Papstes, Georg Ratzinger, hofft auf mehr gemeinsame Zeit im Urlaub. Bislang sei Benedikt zwischen den Mahlzeiten "immer im Geschirr" gewesen, sagte er Reuters TV in Regensburg. "Im Urlaub wird's leichter werden."

Geboren wurde der Papst als Joseph Alois Ratzinger am 16. April 1927 in oberbayrischen Marktl am Inn. Vor seiner Wahl zum Papst galt als rechte Hand von Papst Johannes Paul II. 2005 wurde er nach dessen Tode in einem kurzen Konklave nach nur 26 Stunden im vierten Wahlgang zum 265. Papst gewählt. Seine Heimat Deutschland besuchte er als Papst dreimal.

Als Kardinal Ratzinger war er für seine strikten theologischen Positionen bekannt und wurde von Kritikern deswegen als "Rottweiler Gottes" bezeichnet. Seine Anhänger feierten den Papst dafür, dass er die traditionelle katholische Identität bekräftigte. Seine Kritiker warfen ihm vor, er habe die Uhr der Reformen in der Kirche um mindestens ein halbes Jahrhundert zurückgedreht. Außerdem habe er dem Dialog mit Juden, Muslimen und anderen Christen geschadet.

Sie sahen sich bestätigt, als Benedikt 2006 in einer Rede an der Universität Regensburg einen byzantinischen Kaiser mit der Einschätzung zitierte, der Islam habe nur Schlechtes gebracht und sei mit dem Schwert verbreitet worden. In Teilen der muslimischen Welt war dies als Hasspredigt verurteilt worden und hatte zu gewaltsamen Übergriffen auf Christen und Kirchen geführt. Der Papst bedauerte später, dass er missverstanden worden sei. Als Geste der Versöhnung wurde sein Besuch im selben Jahr in der vorwiegend muslimischen Türkei gesehen, wo er in der Blauen Moschee zusammen mit einem türkischen Mufti predigte.

Ein Thema, das fast seine gesamte Amtszeit begleitete, waren die Skandale wegen sexuellen Missbrauchs in zahlreichen Ländern, darunter in den USA, Irland und in seiner Heimat Deutschland.

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