Waffenruhe in Nahost nicht in Sicht - Israel rückt vor

Dienstag, 13. Januar 2009, 17:24 Uhr
 

Gaza-Stadt (Reuters) - Trotz zunehmenden internationalen Drucks ist kein rasches Ende der Kämpfe im Gazastreifen in Sicht.

Israelische Truppen festigten am Dienstag ihre Stellungen um Gaza-Stadt und drangen mit Panzern auf das dichtbesiedelte Zentrum vor, während in Südisrael erneut Raketen niedergingen. Der Chef der israelischen Streitkräfte sprach von Fortschritten im Kampf gegen die radikal-islamische Hamas. "Aber wir haben noch Arbeit vor uns", betonte Gabi Aschkenasi vor einem Parlamentsausschuss.

EU-Entwicklungshilfekommissar Louis Michel warf Israel in ungewohnt scharfen Tönen vor, internationales Recht zu brechen. Die Militärangriffe seien "vollkommen unverhältnismäßig", sagte er in einem belgischen Zeitungsinterview. Außenminister Frank-Walter Steinmeier forderte in Berlin alle Beiteiligten auf, energisch auf eine Waffenruhe hinzuarbeiten. "Die nächsten Tage werden entscheidend sein".

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon reiste für eine Woche in die Region, um mit Staats- und Regierungschefs in Ägypten, Israel, Jordanien und Syrien Gespräche über ein Ende des Blutvergießens zu führen. "Meine Botschaft ist schlicht, einfach und auf dem Punkt: Die Kämpfe müssen aufhören. Beiden Seiten sage ich: Hört jetzt einfach auf", sagte Ban kurz vor seiner Abreise.

Israels Verteidigungsminister Ehud Barak erklärte, er habe die Kommentare des Bans mit Respekt zur Kenntnis genommen. Israel werde seine Angriffe auf die Hamas jedoch fortsetzen, so lange die diplomatischen Bemühungen weiterliefen, fügte er mit Blick auf Vermittlungsgespräche der Regierung Ägyptens in Kairo hinzu. Diese schienen jedoch keine Fortschritte zu machen. Ein Hamas-Vertreter betonte, jeglicher Vorschlag für eine Waffenruhe müsse die Forderung seiner Organisation nach einem Abzug Israels aus dem Gazastreifen sowie einer völligen Öffnung der Grenzübergänge beinhalten.

"DER FRIEDHOF IST VOLL"

In Gaza-Stadt waren wie in den vergangenen Tagen heftige Explosionen und Maschinengewehrfeuer zu hören. Sanitäter sprachen von 18 bewaffneten Palästinensern und drei Zivilisten, die bei den Gefechten getötet worden seien. Insgesamt starben seit dem Beginn der Offensive am 27. Dezember nach palästinensischen Angaben mindestens 933 Menschen im Gazastreifen, 4000 weitere wurden demnach verletzt. Unter den Opfern seien zahlreiche Frauen und Kinder. "Der Friedhof ist voll", stand auf einem Schild am Eingang eines der größten Friedhöfe in Gaza-Stadt geschrieben. Darunter: "Bitte keine Begräbnisse, weil es keinen Platz mehr gibt."

Die israelische Luftwaffe flog nach Militärangaben Angriffe auf 60 Ziele, darunter Tunnelanlagen, durch die Waffen von Ägypten aus in den Küstenstreifen geschmuggelt worden seien. Allerdings entschieden sich Barak, Ministerpräsident Ehud Olmert und Außenministerin Zipi Livni laut politischen Kreisen am Montagabend dagegen, Truppen in den nächsten zwei oder drei Tagen auch in den Häuserkampf zu schicken. Eine solche Eskalation mit deutlich höheren Totenzahlen wären angesichts der bevorstehenden Parlamentswahl in Israel ein riskanter Schritt. Bislang beklagt Israel 13 Tote - zehn Soldaten sowie drei Zivilisten, die durch Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen ums Leben kamen. Am Dienstag schlugen in der israelischen Stadt Birscheba zwei Raketen ein. Verletzt wurde niemand. Mit dem seit Monaten anhaltenden Raketenbeschuss durch die Hamas hat Israel seine Offensive begründet.

 
<p>An explosion is seen after an Israeli air strike in Rafah in the southern Gaza Strip January 13, 2009. Israeli forces tightened their hold around the city of Gaza on Tuesday and Israel's top general said "there is still work" ahead against Hamas in an 18-day-old offensive that has killed more than 900 Palestinians. REUTERS/Ibraheem Abu Mustafa (GAZA)</p>