Frauen-Demos für und gegen neues Familien-Gesetz in Afghanistan
Kabul (Reuters) - In Afghanistan haben Frauen am Mittwoch bei verschiedenen Protestkundgebungen für und gegen die Einführung eines umstrittenen Familien-Gesetzes demonstriert.
Kritiker sehen in dem Regelwerk eine Rückkehr zu den Verboten der radikal-islamischen Taliban. Auch die Regierungschefs westlicher Länder, darunter US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel, hatten gegen den Entwurf von Afghanistans Präsident Hamid Karsai scharf protestiert. Karsai hatte das Gesetzesvorhaben daraufhin dem Parlament zur Überarbeitung übergeben.
Das ursprüngliche Regelwerk hätte den Kritikern zufolge die Bewegungsfreiheit der Frauen von der Erlaubnis ihres Ehemannes abhängig gemacht. Einige Artikel könnten sogar als Legalisierung von Vergewaltigung in der Ehe interpretiert werden, hieß es.
Getrennt durch zahlreiche Polizistinnen versammelten sich die beiden Frauengruppen in Kabul vor einer neu erbauten, schiitischen Moschee. Die Schiiten stellen in Afghanistan zehn Prozent der Bevölkerung.
Die Befürworter des umstrittenen Gesetzes argumentierten, damit erhielten die lange Zeit unterdrückten Schiiten zum ersten Mal ihr eigenes Familiengesetz. Mehr als 100 Frauen sprachen sich bei der Kundgebung für den Gesetzentwurf aus. Sie riefen "Gott ist groß" und schwenkten Banner, auf denen sie Unterstützung für die "Islamischen Gesetze" forderten. "Die (anderen) Frauen, die zum Protestieren hierherkamen, wissen nicht viel über das Gesetz und haben es nicht vollständig gelesen", sagte die 21-jährige Studentin Kudsia Frotan. Der Entwurf weise keine Ähnlichkeit mit den Verboten der Taliban-Zeit auf, die jegliche Bildung für Frauen abgelehnt hätten. Dem Islam zufolge müssten Frauen aber Bildung erlangen.
Dagegen protestierten etwa 50 gegen die Umsetzung des Gesetzesvorhabens. "Wir wollen kein Taliban-Gesetz" stand auf einem Plakat. Die Frauen verteilten eine Erklärung, in der die mögliche Verabschiedung als eine Beleidigung ihrer Würde bezeichnet wurde. "Es ist beängstigend, hier zu sein, aber ich konnte nicht in meinem Haus bleiben", erklärte die 27-jährige Halima Hosseini bei ihrer ersten Teilnahme an einer Demonstration. "Ich kann niemandem erlauben, mich zu repräsentieren und Artikel zu verabschieden, die gegen meine Rechte und gegen die Menschenrechte sind und mich als Frau als Menschen zweiter Klasse betrachten." Die kleine Protestgruppe wurde zeitweise vor der Moschee von etwa 200 aufgebrachten Männern mit Steinen beworfen.
In einem früheren Entwurf der afghanischen Regierung hatte es unter anderem geheißen, einer Frau sei es nicht erlaubt, das Haus ohne ihren Mann zu verlassen. Laut einer abgeänderten Fassung soll Frauen nun das Verlassen des Wohnheims für Arbeit, medizinische Versorgung und Bildung zugestanden werden. Ein anderer Artikel hatte gelautet: "Eine Frau ist dazu verpflichtet, die sexuellen Wünsche ihres Ehemannes zu erfüllen." Parlamentarier erklärten, Präsident Karsai habe das Gesetz wohl übereilt unterzeichnet, weil er am 20. August zur Wiederwahl antrete und sich die Unterstützung schiitischer Wähler habe sichern wollen.
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