Rafsandschani attackiert iranische Führung

Freitag, 17. Juli 2009, 19:31 Uhr
 

Teheran (Reuters) - Begleitet von neuen Massenprotesten im Iran hat der einflussreiche Geistliche Akbar Haschemi Rafsandschani die politische Führung unter Ajatollah Ali Chamenei scharf angegriffen.

In seinem Freitagsgebet sprach Rafsandschani von eindeutigen Verstößen bei der umstrittenen Präsidentenwahl und stellte das offizielle Endergebnis in Frage, wonach Amtsinhaber Mahmud Ahamadinedschad die Abstimmung gewonnen hat. Zugleich verlangte er die Freilassung von inhaftierten Demonstranten und eine Lockerung der Pressezensur. Mit seiner ungewöhnlich deutlichen Kritik fordert Rafsandschani in beispielloser Weise das konservative Establishment heraus.

Als erster ranghoher Vertreter der politischen Klasse sprach Rafsandschani von einer Krise, die den Iran erfasst habe. "Wir sind alle Mitglieder einer Familie. Ich hoffe mit dieser Predigt, dass wir diese schwere Phase hinter uns bringen, die durchaus als Krise bezeichnet werden kann", sagte der ehemalige Präsident, der im Wahlkampf den unterlegenen Reformkandidaten Mirhossein Mussawi unterstützt hatte. Mussawi war bei dem Gebet in der Universität Teheran persönlich anwesend. Es war seiner erster offizieller Auftritt seit der Wahl am 12. Juni.

Rafsandschani warf Ahmadinedschad und Chamenei vor, gegen den Geist der Revolution zu verstoßen und die Werte der Islamischen Republik zu missachten. "Wenn Menschen nicht mehr zu sehen sind und ihre Stimmen nicht da sind, dann ist diese Regierung nicht islamisch", sagte Rafsandschani in Anspielung auf die von der Opposition vermutete Wahlfälschung. "Heute ist ein bitterer Tag." Rafsandschani ist der Vorsitzende des Expertenrats, der den Obersten Führer theoretisch absetzen kann. Chamenei hatte die Wahl mehrmals als sauber bezeichnet.

"Ich rede als jemand, der die Revolution von Beginn an begleitet hat", sagte Rafsandschani, der ein enger Vertrauter des verstorbenen Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Chomeini war. "Wir wussten, was Imam Chomeini wollte. Er wollte nicht den Einsatz von Terror und Waffen - nicht einmal in Kämpfen für die Revolution." Bei den Protesten gegen das Wahlergebnis waren nach offiziellen Angaben 20 Menschen getötet worden. Die Opposition spricht von deutlich mehr Toten. Hunderte wurden verhaftet.

"In der gegenwärtigen Situation ist es nicht nötig, dass wir eine Anzahl von Menschen in den Gefängnissen festhalten", fuhr Rafsandschani fort. "Wir sollten ihnen erlauben, zu ihren Familien zurückzukehren." Damit stellte er sich hinter die Forderungen der Demonstranten, die außerhalb der Universität zu Zehntausenden gegen das Wahlergebnis protestierten und in Sprechchören den Rücktritt von Ahmadinedschad forderten.

Nach Wochen relativer Ruhe im Iran waren die Massenproteste bereits vor Beginn des Freitagsgebet wieder voll entbrannt. Nach Augenzeugenberichten demonstrierten Zehntausende Anhänger von Mussawi in den Straßen um die Universität und zeigten damit trotz eines Verbots ihren massiven Unmut. Die Polizei ging mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Regierungskritiker vor. Nach Augenzeugenberichten wurden 15 Menschen festgenommen. Es sind die größten Demonstrationen im Iran seit knapp einem Monat.

Auch nach dem Freitagsgebet versammelten sich erneut zahlreiche Mussawi-Anhänger auf den Straßen von Teheran. Ein Augenzeuge berichtete, eine große Menschenmenge sei im Zentrum der Hauptstadt zusammengekommen. "Sie tragen grüne Armbänder und tragen das Bild von Mussawi, während sie das Siegeszeichen in die Luft strecken", berichtete der Augenzeuge. "Überall stehen Polizisten, aber es gibt keine Zusammenstöße." Später berichteten Augenzeugen von weiteren Festnahmen.

 
<p>EDITORS' NOTE: Reuters and other foreign media are subject to Iranian restrictions on their ability to film or take pictures in Tehran Iran's former President Akbar Hashemi Rafsanjani gives a Friday sermon in Tehran July 17, 2009. Rafsanjani said Iran was in a "crisis" after last month's disputed election, in the first such comment by a senior establishment figure in the Islamic Republic. REUTERS/IRIB via Reuters TV (IRAN POLITICS) FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS. IRAN OUT. NO COMMERCIAL OR EDITORIAL SALES IN IRAN</p>