Karadzic fordert von UN-Tribunal erneut mehr Zeit
Den Haag (Reuters) - Bei seinem ersten Auftritt vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal seit Prozessbeginn hat der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic eine Aussetzung des Verfahrens gefordert.
Sollte er zur Vorbereitung seiner Verteidigung nicht mehr Zeit bekommen, werde er den Prozess wieder boykottieren, kündigte der 64-Jährige am Dienstag vor dem Gericht in Den Haag an. Die deutsche Anklägerin Hildegard Uertz-Retzlaff drohte Karadzic daraufhin eine härtere Gangart an - einschließlich einer Zwangsvorführung. Der Vorsitzende Richter O Gon Kwon brachte erneut die Berufung eines Pflichtverteidigers ins Spiel.
"Ich will dieses Verfahren nicht boykottieren, aber ich kann nicht an etwas teilnehmen, was von Anfang an schlecht ist", sagte der Angeklagte und fügte hinzu: "Ich wäre wirklich ein Verbrecher, wenn ich diese Bedingungen akzeptieren würde." Er brauche zehn zusätzliche Monate Zeit für seine Vorbereitung auf den Prozess, da er unter 1,3 Millionen Aktenseiten "begraben" sei, erklärte der mutmaßliche Kriegsverbrecher. Der aus drei Richter bestehende Senat will über den Antrag Karadzics in mehreren Tagen entscheiden. Eine für Mittwoch geplante Anhörung von Zeugen der Anklage wurde deshalb verschoben.
Dem früheren Präsidenten der nach dem Zerfall Jugoslawiens selbst ausgerufenen Republica Srpska werden Kriegsverbrechen während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995 vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft erklärte bei der Verlesung der Anklageschrift, der frühere Psychiater habe eines der "dunkelsten Kapitel der Menschheit" zu verantworten. Als Oberkommandierender der bosnischen Serben sei Karadzic für die Tötung von mehr als 7000 muslimischen Männern und Jungen in der Ortschaft Srebrenica im Juli 1995 verantwortlich. Außerdem wird ihm die 43 Monate währende Belagerung Sarajevos zur Last gelegt, während der schätzungsweise 10.000 Menschen ums Leben gekommen waren. Karadzic bestreitet die Anklagevorwürfe.
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