Italiens Zivilschutzchef kritisiert US-Militär auf Haiti

Montag, 25. Januar 2010, 17:24 Uhr
 

Rom/Port-au-Prince/Brüssel (Reuters) - Italiens oberster Zivilschützer Guido Bertolaso hat den massiven Einsatz amerikanischer Soldaten nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti als wirkungslos kritisiert.

Die USA hätten zwar eine Demonstration der Stärke gezeigt, es aber an Koordinierung mit zivilen Gruppen fehlen lassen, sagte Bertolaso dem staatlichen Fernsehsender RAI. "Die Amerikaner sind außergewöhnlich, aber in einer chaotischen Situation neigen sie dazu, militärisches Eingreifen mit humanitärer Hilfe zu verwechseln, die den Streitkräften nicht anvertraut werden kann."

Die italienische Regierung ging am Montag prompt auf Distanz zu Bertolaso, der Ministerrang hat und hohes Ansehen genießt als Leiter der Rettungsarbeiten nach dem schweren Erdbeben in den Abruzzen, bei dem im vorigen Jahr 294 Menschen starben und Zehntausende obdachlos geworden waren. Die Regierung teile Berolasos Ansichten nicht, hieß es.

Die USA haben in und vor Haiti 13.000 Soldaten im Einsatz. Sie unterstützen die Hilfs- und Rettungsmaßnahmen nach dem Beben, bei dem mindestens 120.000 Menschen ums Leben gekommen sind. Allerdings sorgen sie Beobachtern zufolge allein durch ihre Anwesenheit zumindest in vielen Fällen für relative Ruhe, wo es sonst womöglich zu Gewaltausbrüchen kommen würde.

Angesichts der immensen Not und der teils chaotischen Zustände in den oft verwahrlosten Zeltlagern und bei der Verteilung von Lebensmitteln gerät die Lage immer wieder außer Kontrolle. Gewaltsame Übergriffe sind an der Tagesordnung. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen und die Regierung Haitis warnten am Montag abermals davor, dass es immer mehr Kindesentführungen und illegale Adoptionen gebe. Es lägen immer mehr Berichte vor, wonach Kinder verschleppt und außer Landes gebracht würden, sagte Unicef-Sprecher Kent Page.

Zur Unterstützung der Katastrophenhilfe beschloss die EU, bis zu 350 paramilitärische Polizeikräfte in den Karibikstaat zu entsenden. An dem Einsatz beteiligen sich Frankreich, Spanien, Italien, Portugal, die Niederlande und Rumänien. Diese Länder haben eine Gendarmerie, die dem Militär, und nicht der Polizei untersteht. Deutschland nimmt an dem Einsatz nicht teil, da es nicht über solche paramilitärischen Kräfte verfügt. Die EU-Außenminister reagierten damit auf die Anforderung der Vereinten Nationen (EU) nach einer Verstärkung ihrer Sicherheitstruppen in Haiti.

Im kanadischen Montreal sollte am Montag zudem eine Konferenz zum Wiederaufbau des ärmsten lateinamerikanischen Landes beginnen. Ministerpräsident Stephen Harper, US-Außenministerin Hillary Clinton, ihr französischer Kollege Bernard Kouchner und andere hochrangige Politiker wollen unter anderem über einen Schuldenerlass beraten. Harper sicherte dem haitianischen Regierungschef Jean-Max Bellerive die Hilfe der Weltgemeinschaft zu. "Sie sind nicht allein." Die Staaten der Welt würden Haiti langfristig beim Wiederaufbau unterstützen.