Streit um Begräbnisort Kaczynskis entzweit Polen

Donnerstag, 15. April 2010, 06:38 Uhr
 

Warschau (Reuters) - Ein Streit um den Begräbnisort für den polnischen Präsidenten Lech Kaczynski entzweit mitten in der einwöchigen Staatstrauer das Land.

Auslöser ist die Ankündigung, den bei einem Flugzeugabsturz getöteten Politiker in der Kathedrale auf dem Wawel in Krakau beizusetzen. Die jahrhundertelange Residenz der polnischen Könige ist bislang Monarchen und Nationalhelden als Ort der letzten Ruhe vorbehalten. Das Vorhaben von Kardinal Stanislaw Dziwisz stößt deshalb auf heftige Kritik.

"Die Entscheidung, ihn auf dem Wawel zu begraben, ist hastig und emotional", hieß es am Mittwoch in einem Leitartikel der Tageszeitung "Gazeta Wyborcza". Es sei unangemessen, Kaczynski nach seinem Tod in eine Reihe mit Größen wie Josef Pilsudski zu stellen, dem Architekten der polnischen Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg. "Diese Entscheidung wird die Polen mit Sicherheit spalten", schrieb die Zeitung.

TRAUERFEIER FÜR SAMSTAG ANGESETZT

Kardinal Dziwisz hatte am Dienstag gesagt, Kaczynski und dessen Frau Maria würden in Absprache mit der Familie des Toten am Sonntag in der Krypta der Wawel-Kathedrale beigesetzt. Zur Trauerfeier am Samstag in Warschau werden zahlreiche Staats- und Regierungschefs erwartet, darunter US-Präsident Barack Obama, sein russischer Kollege Dmitri Medwedew sowie aus Deutschland Bundespräsident Horst Köhler und Kanzlerin Angela Merkel. Bei dem Unglück starben 96 Menschen, Särge von 30 der Toten sind bereits in Polen angekommen.

Die Kirche müsse die Entscheidung zum Beisetzungsort zurücknehmen, forderte der Oscar-prämierte Filmemacher Andrzej Wajda, der als Regisseur eines Films über das Massaker von Katyn im Zweiten Weltkrieg eine Autorität in Polen ist. Das Vorhaben des Kardinals drohe, Polen mehr zu spalten als jeder andere Streit seit dem Ende des Kommunismus.

Einen Vorgeschmack darauf gab es auf dem Internet-Portal Facebook: Bis zum Mittwoch schlossen sich dort mehr als 33.000 Menschen einer virtuellen Protestgruppe an, die sich "Nein zur Beisetzung Kaczynskis auf dem Wawel" nennt. Fast 5000 erklärten sich zu Unterstützern einer Gruppe mit dem ironischen Namen "Ich will auch auf dem Wawel begraben werden". Auf der Königsburg ist etwa der legendäre General Tadeusz Kosciuszko bestattet, der im US-Unabhängigkeitskrieg kämpfte, außerdem Wladyslaw Sikorski, Ministerpräsident der Exilregierung während des Zweiten Weltkriegs, und Nationaldichter Adam Mickiewicz.

DEMONSTRATIONEN GEGEN WAHL DES BESTATTUNGSORTES

In Krakau demonstrierten am Dienstagabend rund 500 Menschen lautstark gegen das Vorhaben die Begräbnispläne. "Nein zu Krakau, Nein zum Wawel" oder "Seid Ihr sicher, dass er auf einer Stufe mit Königen steht" stand auf ihren Transparenten. Anhänger Kaczinskis verteidigten dagegen die Entscheidung und erklärten, das Begräbnis des Präsidentenpaars dürfe nicht in Streit gezogen werden.

Der seit 2005 als Präsident amtierende Kaczynski hatte zu Lebzeiten die Öffentlichkeit polarisiert, die in ihm wahlweise einen Patrioten mit tiefen Überzeugungen oder einen engstirnigen Reaktionär sah. Seine Zustimmungswerte waren zuletzt auf rund 20 Prozent gesunken, für die regulär im Oktober fällige Wahl wurde mit seiner Niederlage gerechnet. Seit dem Absturz der Präsidentenmaschine, bei dem am Samstag Dutzende weitere ranghohe Politiker, Beamte und Militärs starben, standen die Polen dennoch über Parteigrenzen hinweg in Trauer zusammen. Am Mittwoch warteten viele Stunden lang im Regen, um den im Warschauer Präsidentenpalast aufgebahrten Sarg zu sehen. Der US-Senat drückte in einer einstimmig verabschiedeten Resolution sein Beileid aus.

Die Präsidentenwahl wird nach Angaben eines Beraters von Ministerpräsident Donald Tusk wahrscheinlich auf den 20. Juni vorgezogen. Eine endgültige Entscheidung über den Termin wurde nach Beratungen von Übergangspräsident Bronislaw Komorowski mit den Parteien auf die kommende Woche verschoben.