Kritik an Rating-Agenturen wächst -Ruf nach unabhängiger Behörde

Donnerstag, 29. April 2010, 07:05 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Nach den Herabstufungen Griechenlands, Portugals und Spaniens wächst in Deutschland die Kritik an den Rating-Agenturen.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach sich für die Einrichtung einer unabhängigen europäischen Behörde zur Bewertung von Bonitäten aus, um Interessenskonflikte künftig zu vermeiden. Aus der Finanz- und Wirtschaftskrise müsse schnellstens die Lehre gezogen werden, dass die Europäische Union "der Tätigkeit von Rating-Agenturen eigene Bemühungen" entgegensetze, sagte Westerwelle den Zeitungen der WAZ-Mediengruppe (Donnerstagausgaben) laut Vorabbericht. "Rating-Agenturen dürfen nicht gleichzeitig Finanzprodukte entwickeln, vertreiben und bewerten."

Einen Tag nach der Herabstufung Portugals und Griechenlands hatte die Rating-Agentur S&P am Mittwoch auch die Kreditwürdigkeit Spaniens gekappt. Der Euro gab binnen Sekunden nach Bekanntwerden der Nachricht ebenso nach wie die Aktienmärkte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel lehnte am Mittwochabend auf einer Pressekonferenz eine Stellungnahme zu der jüngsten Herabstufung ab. Es sei nicht ihre Aufgabe, die Arbeit der Agenturen zu bewerten. Dagegen warnte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn davor, die Agenturen überzubewerten: "Ganz offensichtlich bekommen sie ihre Daten aus den Märkten. Man weiß also nie, ob sie die Märkte bewerten oder diese die Agenturen. Deshalb sollte man sie nicht zu ernst nehmen."

"WIR HÄNGEN ZU SEHR AM TROPF DER RATING-AGENTUREN"

Auch zahlreiche Ökonomen übten harte Kritik an den Agenturen. "Wir sollten das Wohl Europas nicht von den Rating-Agenturen abhängig machen", sagte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger der Tageszeitung "Die Welt" (Donnerstagausgabe) laut Vorabbericht. "Die Ratingagenturen haben von Beginn der Finanzkrise an versagt - warum sollte sich die Europäische Zentralbank (EZB) in dieser kritischen Phase überhaupt noch auf ihr Urteil verlassen?", sagte Bofinger.

"Wir hängen zu sehr am Tropf der Rating-Agenturen", sagte Clemens Fuest, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates des Bundesfinanzministeriums, der "Welt". Das Urteil der Ratingagenturen werde an den Märkten überbewertet. Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), sagte der Zeitung: "Es kann nicht sein, dass Rating-Agenturen, die die Finanzkrise zu einem großen Teil mitzuverantworten haben, weil sie wertlosen Papieren Bestnoten verliehen haben, immer noch solch eine herausragende Rolle spielen." Zudem sei die Methodik der Rating-Agentur nach wie vor intransparent.

Auch Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln), ging mit den Ratingagenturen hart ins Gericht. "Die Rating-Agenturen haben wieder einmal geschlafen", sagt er der "Welt". Hüther hält ihr Agieren für fragwürdig, weil sie wieder sehr spät gehandelt hätten. Statt nach und nach Griechenland und Portugal herabzustufen, hätten sie mehrere Schritte auf einmal vollzogen und damit Nervosität an den Märkten ausgelöst. Er verlangte, dass Rating-Agenturen künftig ihre Bonitätsbewertungen graduell vornehmen müssten. Die EZB werde aber nun wohl die herabgestuften griechischen Staatspapiere als Pfand gegen Sicherheiten akzeptieren müsse.