Koran-Schändungen in USA trotz Obamas Aufruf zu Toleranz

Sonntag, 12. September 2010, 15:29 Uhr
 

New York (Reuters) - Ungeachtet eines Aufrufs von US-Präsident Barack Obama zu religiöser Toleranz ist es in den Vereinigten Staaten in mindestens drei Fällen zu Schändungen des Koran gekommen.

Am neunten Jahrestag der Anschläge vom 11. September rissen in New York zwei Männer während einer Demonstration gegen ein geplantes islamisches Gemeindezentrum Seiten aus der heiligen Schrift der Muslime. Einer zündete diese anschließend an, der andere machte vulgäre Gesten mit den herausgetrennten Blättern. In der Nähe von Nashville im Bundesstaat Tennessee verbrannten zudem zwei evangelikale Prediger mindestens zwei Koran-Ausgaben.

Bereits im Vorfeld der Ereignisse vom Samstag hatten anti-islamische Äußerungen das Gedenken an die Opfer der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon begleitet. Vor allem die Pläne des fundamentalistischen Predigers Terry Jones, am Jahrestag eine Koran-Verbrennung in Florida zu inszenieren, sorgten weltweit für Empörung. In Afghanistan gingen am Sonntag aufgebrachte Muslime den dritten Tag in Folge auf die Straße. Zwei Demonstranten wurden nach offiziellen Angaben getötet, als es zu Zusammenstößen mit afghanischen Sicherheitskräften kam. Am Freitag war bei den Protesten vor einem Bundeswehrstützpunkt in Faisabad ein Demonstrant erschossen worden.

WILDERS MACHT IN NEW YORK STIMMUNG GEGEN MOSCHEE-PROJEKT

Zwar hatte der einst auch in Deutschland aktive Pastor Jones sein Vorhaben am Freitag definitiv abgesagt. Offensichtlich fühlten sich jedoch einige Islam-Gegner durch ihn inspiriert. "Ich hab' mitbekommen, dass dieser Typ aus Florida gekniffen hat - und wie geht das alte Sprichwort: 'Wenn Du willst, dass etwas erledigt wird, dann mach es selbst'", sagte einer der Männer, der am Samstag in New York den Koran schändete. Mehrere Hundert Menschen beteiligten sich an der Demonstration gegen das islamische Gemeindezentrum mit Gebetsraum, das unweit der Stelle gebaut werden soll, an der das World Trade Center stand.

Einer der Hauptredner war der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders. New York dürfe nicht zum "Neuen Mekka" werden, rief er der jubelnden Menge zu. In Sprechchören forderten die Demonstranten "Keine Moschee hier", sie schwenkten US-Flaggen und reckten Plakate in die Höhe, auf denen "Vergesst niemals" zu lesen war.

Etwa 3000 Menschen wurden vor neun Jahren getötet, als Extremisten mit entführten Passagiermaschinen in die beiden Türme des World Trade Center und das Verteidigungsministerium rasten. Der Streit um das Moschee-Projekt hat inzwischen das ganze Land erfasst. Die Gegner, zu denen prominente republikanische Politiker wie Sarah Palin zählen, empfinden es als pietätlos gegenüber den Opfern des 11. September, in der Nähe des Ground Zero eine Moschee zu errichten. Befürworter, die am Samstag ebenfalls zu Hunderten durch New York zogen, hoffen, dass durch das Gemeindezentrum die verschiedenen Religionsgemeinschaften in der Metropole besser zusammen finden.

Obama, der sich seit Beginn seiner Amtszeit für eine Verbesserung des durch die Kriege im Irak und in Afghanistan massiv strapazierten Verhältnisses zu den Muslimen einsetzt, versuchte in seiner Gedenkrede den Fokus von der Religion wegzurücken. Die Angreifer von damals hätten versucht, die Amerikaner ihrer Ideale zu berauben. "Sie mögen versuchen, einen Konflikt zwischen den verschiedenen Religionen auszulösen, aber als Amerikaner befinden wir uns nicht im Krieg mit dem Islam und werden es niemals sein", sagte er in Washington. "Wir wurden nicht von einer Religion angegriffen an jenem Tag im September. Es war Al-Kaida, ein trauriger Bund von Männern, die Religion pervertieren."

Zahlreiche Amerikaner drückten ihre Solidarität mit Muslimen aus. Mehrere Hundert kamen zur Kirche von Pastor Jones in Gainsville, wo dieser ursprünglich einen Stapel Koran-Bücher verbrennen wollte. Die gerade einmal 30 Mitglieder zählende Christengruppe stehe nicht für Amerika. "Zündet Kerzen an, nicht Korane" stand auf Plakaten der Demonstranten.

Die Polizei teilte mit, sie habe einen Mann in der Nähe der Kirche daran gehindert, einen Koran zu verbrennen. Er sei aber nicht festgenommen worden. Auch über Festnahmen in Tennessee, wo der evangelikale Pastor Bob Old mit einem Kollegen in seinem Garten mindestens zwei Koran-Ausgaben verbrannte, lagen keine Berichte vor.

 
<p>Dutch politician Geert Wilders speaks at a demonstration against the proposed Islamic cultural centre and mosque on the ninth anniversary remembrance of the attacks on New York and Washington, in New York, September 11, 2010. REUTERS/Chip East</p>