Erster Toter bei Krawallen in London

Dienstag, 9. August 2011, 17:44 Uhr
 

London (Reuters) - Bei den seit dem Wochenende anhaltenden Krawallen in London hat es einen ersten Toten gegeben.

Ein 26-Jähriger sei am Dienstag Schussverletzungen erlegen, die er bei den Unruhen erlitten habe, teilte die Polizei mit. Premierminister David Cameron kündigte ein hartes Vorgehen gegen die Randalierer an. Am Abend sollte die Polizeipräsenz in der britischen Hauptstadt massiv erhöht werden. In London war es zuvor die dritte Nacht in Folge zu Krawallen gekommen, die sich auch auf andere Städte des Landes ausweiteten. Während die Polizei Kriminelle verantwortlich macht, sehen Soziologen die Ursachen eher in der wirtschaftlichen Not.

Auf den Mann sei in dieser Woche während der Krawalle in einem Auto im Südlondoner Stadtteil Croydon geschossen worden, teilte die Polizei mit. Nähere Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt. Seit dem Wochenende wurden Hunderte Polizisten und Randalierer verletzt.

Premierminister David Cameron brach seinen Urlaub in der Toskana ab und holte das Unterhaus für eine Sondersitzung am Donnerstag aus den Parlamentsferien. Die Krawalle bezeichnete er vor seinem Amtssitz in der Downing Street als "schlicht und einfach kriminell." Es sei klar, "dass wir mehr, viel mehr Polizeibeamte auf unseren Straßen und einen noch robusteren Einsatz der Polizei brauchen." Für Dienstagnacht wurden Polizeikräfte aus dem ganzen Land zur Verstärkung herangebracht. Nun sollen 16.000 Beamte statt der 6000 am Montag die Sicherheit in der Hauptstadt gewährleisten. Die Londoner Polizei erklärte, notfalls würden Plastik- oder Gummigeschosse eingesetzt, um die Unruhen einzudämmen.

AUSWÄRTIGES AMT RÄT REISENDEN ZU BESONDERER VORSICHT

Ganze Einkaufsstraßen in London wurden in Schlachtfelder verwandelt. Vermummte Jugendliche traten Fensterscheiben ein, Gebäude standen in Flammen, die Straßen waren mit Flaschen, Steinen und Glasscherben übersät. Erstmals wurden auch Unruhen aus Bristol, Liverpool und Birmingham gemeldet. Plünderer machten sich mit ganzen Wagenladungen von Diebesgut davon. Die Polizei nahm in der Hauptstadt in den vergangenen drei Tagen mehr als 450 Menschen fest. Zeitweise hatte die Londoner Feuerwehr nicht genügend Einsatzfahrzeuge zur Verfügung, um die Brände zu löschen. Britische Versicherer rechneten mit Schäden in Höhe von mehreren Dutzenden Millionen Pfund. Das für Mittwoch im Wembley-Stadion angesetzte Fußball-Länderspiel zwischen England und den Niederlanden wurde vorsorglich abgesagt. Das Auswärtige Amt in Berlin riet Großbritannien-Reisenden zu besonderer Vorsicht und dazu, sich bei Anzeichen von Gewalt sofort zurückzuziehen.

HOHE ARBEITSLOSIGKEIT IN KRAWALL-VIERTELN

"Wir haben keine Arbeit und kein Geld", begründete ein junger Mann im Londoner Stadtteil Hackney die Diebstähle. Auch Soziologen registrieren einen wachsenden Unmut in den häufig von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Vierteln. "Einer der wichtigsten Treiber ist die Schere zwischen Arm und Reich. Hier geht es um die Ausgeschlossenen", sagte der Gesellschaftswissenschaftler Mike Hardy. Die britische Regierung versucht derzeit, mit massiven Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen das Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen. Ein 39-Jähriger Elektriker aus Hackney sagte, die Einschnitte hätten "alles nur schlimmer gemacht. Das war erst der Anfang."

Cameron dürfte unter Druck geraten, mehr für die armen Viertel der Hauptstadt zu unternehmen. Bislang hat er Forderungen zurückgewiesen, beim Sparen auf die Bremse zu treten und etwa Hilfe für Jugendliche auszunehmen. Die Krawalle waren am erstmals am späten Samstagabend ausgebrochen, als ein zunächst friedlicher Protest im Stadtteil Tottenham gegen die Erschießung eines Mannes durch die Polizei in Gewalt umschlug.

 
<p>People stand near a burning car in a street in Hackney, east London August 8, 2011. REUTERS/Luke MacGregor</p>