Gaddafi findet bei seinem Geburtsort Sirte den Tod

Donnerstag, 20. Oktober 2011, 16:03 Uhr
 

Sirte (Reuters) - Der langjährige libysche Machthaber Muammar Gaddafi ist tot.

Gut zwei Monate nach der Absetzung des Despoten meldete die neue Führung des ölreichen nordafrikanischen Landes am Donnerstag, Gaddafi sei kurz nach der Eroberung seiner Geburtsstadt Sirte erschossen worden. Die Nachricht von Gefangennahme und Tod des 69-Jährigen wurde von anderen Quellen zunächst nicht bestätigt. Mehrere Fernsehsender zeigten aber das Bild eines Toten mit den charakteristischen Gesichtszügen Gaddafis. Das offenbar mit einer Handy-Kamera aufgenommene Foto zeigte das bleiche, blutverschmierte Antlitz eines in die Leere starrenden Mannes.

Nach Darstellung des Militärvertreters Abdel Madschid Mlegta wurde Gaddafi gefangen genommen, als er in einer Fahrzeugkolonne aus Sirte fliehen wollte. Der Konvoi sei von Nato-Kampfflugzeugen angegriffen worden. Gaddafi sei verwundet und in einem Krankenwagen weggefahren worden. Kurz darauf sei er gestorben. "Er wurde auch in den Kopf getroffen", sagte Mlegta. "Seine Gruppe wurde heftig beschossen, und er starb." Laut Informationsminister Mahmud Schammam kam Gaddafi im Feuer von Kämpfern der Übergangsregierung um.

KÄMPFER: GADDAFI SUCHTE DECKUNG IN EINEM LOCH

Auch Gaddafis Militärchef Abu Bakr Junus Jabr wurde dem NTC zufolge getötet. Der Fernsehsender Al-Dschasira zeigte Bilder einer Leiche, bei der es sich um Jabr handeln soll. Die Leiche Gaddafis wurde dem Sender Al-Arabija zufolge nach Misrata gebracht.

Ein Kämpfer der Regierungstruppen berichtete Reuters, der seit dem Sommer mit internationalem Haftbefehl gesuchte Gaddafi habe in einem Loch Deckung gesucht und "nicht schießen, nicht schießen" gerufen. Gaddafi wurde Minuten nach der Eroberung Sirtes durch NTC-Truppen gefasst. Sein Sohn Mo'Tassim und der frühere Informationsminister Mussa Ibrahim fielen der neuen Führung lebend in die Hände. Ein Vertreter der Übergangsregierung sagte, Gaddafis Sohn Saif Al-Islam sei vermutlich noch auf der Flucht in der Wüste im Süden Libyens.

Mit der Eroberung Sirtes und dem Tod Gaddafis schließt sich für die Übergangsregierung ein Kreis, der seinen Ausgangspunkt im Februar in der Erhebung gegen den Diktator hatte. Während des Kampfes um die Macht wurde die einstige Rebellenbewegung von der Nato aus der Luft unterstützt, was erheblich zu deren Erfolg beitrug. Als offizielles Datum der Absetzung Gaddafis gilt der 22. August, an dem die Rebellen die Eroberung der Hauptstadt Tripolis meldeten.

Der junge Offizier Gaddafi hatte sich 1969 an die Macht geputscht und versucht, das nordafrikanische Land mit einer Mischung von sozialistischen und islamischen Kriterien zu gestalten. Dem für seine exzentrischen Auftritte bekannten wurden zahlreiche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Außerdem soll das Gaddafi-Regime in mehrere Terroranschläge verwickelt gewesen sein. Dazu gehörte 1988 der Bombenanschlag auf ein PanAm-Verkehrsflugzeug, das über der schottischen Ortschaft Lockerbie abstürzte. Dabei waren insgesamt 270 Menschen getötet worden. Gaddafis Regierung soll auch hinter dem Bombenanschlag auf die Berliner Diskothek "La Belle" gestanden haben, bei dem in der Nacht auf den 5. April 1986 drei Menschen starben und mehr als 200 andere verletzt wurden.