Bundeswehr übergibt Afghanen Verantwortung in Feisabad

Dienstag, 24. Januar 2012, 15:48 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die Bundeswehr hat erstmals die Sicherheitsverantwortung für eine größere Region in Afghanistan an die einheimische Armee und Polizei übergeben und damit einen weiteren Schritt zum Abzug getan.

Der zivile Leiter des Lagers Feisabad, Helmut Landes, gab am Dienstag den Startschuss für den Übergabeprozess der abgelegenen Provinz Badachschan, der bis zu anderthalb Jahre dauern soll. Besonders in der Anfangszeit wird die Bundeswehr den Afghanen allerdings weiter mit Rat und militärischer Hilfe zur Seite stehen, bis sie die Sicherheitslage allein unter Kontrolle halten können. Voraussichtlich noch 2012 will die Bundeswehr dann das Lager in Feisabad als erstes deutsches Camp in Afghanistan aufgeben. Die Sicherheitslage in Badachschan, das als einzige afghanische Provinz nie von den Taliban erobert wurde, ist weitgehend stabil.

"Es ist ein Erfolg, dass die afghanischen Sicherheitskräfte nun die Verantwortung für die Sicherheit der Menschen übernehmen", sagte der deutsche Botschafter Rüdiger König bei der Zeremonie in Feisabad. Zugleich betonte er erneut, dass die Staaten-Gemeinschaft Afghanistan auch nach dem Abzug der internationalen Kampftruppen Ende 2014 nicht im Stich lassen werde. Die erste Phase des Übergabeprozesses in Badachschan betrifft acht Distrikte und damit etwa die Hälfte der Provinz. In dem Gebiet lebt ein Großteil der Bevölkerung Badachschans.

Am Donnerstag soll der Startschuss für die Übergabe der Provinz Balch fallen, in der die Stadt Masar-i-Scharif und das Hauptquartier der Bundeswehr in Afghanistan liegen. Die Sicherheitsverantwortung für die Stadt Masar direkt war bereits im Sommer an die Afghanen übergegangen.

Badachschan ist das Armenhaus im ohnehin bitterarmen Afghanistan: Die Kindersterblichkeit ist eine der höchsten der Welt, jedes sechste Kind stirbt vor dem fünften Geburtstag. Jeder zweite der etwa eine Million Bewohner der Provinz hat keinen Zugang zu medizinischer Hilfe, nur jeder siebte verfügt über sauberes Trinkwasser. Bis vor einigen Jahren gab es in der Provinz von der Größe Dänemarks keine einzige geteerte Straße. Bis heute sind Teile der unwegsamen Provinz im Winter monatelang von der Außenwelt abgeschnitten. Die Provinz ist zu 90 Prozent gebirgig. Die Analphabetenquote liegt bei 70 Prozent.

Die radikal-islamischen Taliban nutzen die Region hauptsächlich als Transit von Pakistan nach Kundus und als Ausweichquartier, wenn der militärische Druck in Kundus zu hoch wird. In Badachschan gibt es jedoch auch viel organisierte Kriminalität sowie Drogenanbau, vor allem Marihuana.