Proteste und Tote nach Koranverbrennung in Afghanistan

Donnerstag, 23. Februar 2012, 19:11 Uhr
 

Kabul (Reuters) - Die Taliban nutzen die Empörung über die Verbrennung von Koran-Schriften, um die Afghanen zu Gewalt gegen die ausländischen Truppen aufzustacheln.

Am Donnerstag erschoss ein als afghanischer Soldat gekleideter Attentäter zwei US-Soldaten auf einem Stützpunkt in der östlichen Provinz Nangarhar, wie ein amerikanischer Vertreter der Nachrichtenagentur Reuters sagte. Den dritten Tag in Folge gingen Tausende Afghanen mit dem Schlachtruf "Tod Amerika" auf die Straßen. US-Präsident Barack Obama bat seinen afghanischen Kollegen Präsident Hamid Karsai um Entschuldigung: Bei dem Zwischenfall habe es sich um ein unbeabsichtigtes Fehlverhalten gehandelt.

Karsai sprach von einem ignoranten Verhalten und verlangte von der Nato einen fairen, aber auch öffentlichen Prozess gegen die Verantwortlichen. Das Militärbündnis habe ein Verfahren zugesichert, was aber zunächst nicht bestätigt werden konnte. Bundesaußenminister Guido Westerwelle äußerte sich bestürzt, dass durch die Koranverbrennung "die Gefühle vieler Menschen in Afghanistan verletzt wurden". "Deutschland und alle unsere Vertreter in Afghanistan empfinden tiefen Respekt für den Islam, seine Anhänger und seine Schriften", erklärte der Minister.

TALIBAN RUFEN ZUM TÖTEN WESTLICHER AUSLÄNDER AUF

Am Dienstag hatten afghanische Arbeiter auf einer Müllhalde am Militärstützpunkt Bagram rund 75 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Kabul verkohlte Koran-Exemplare gefunden. Der Koran gilt den Muslimen als direktes Wort Gottes und die Verbrennung des Buches als Schändung. Schon kurz nach dem Bekanntwerden des Fundes gingen in mehreren Landesteilen Tausende Menschen auf die Straße. Bei den Protesten wurden mindestens elf Menschen getötet und 17 verletzt. In mehreren Fällen hatten afghanische Polizisten oder Soldaten auf die Demonstranten geschossen.

Die radikal-islamischen Taliban riefen ihre Landsleute und besonders Soldaten und Polizisten auf, sich gegen die Nato-Truppen und alle westlichen Ausländer zu erheben. "Unsere tapferen Leute müssen die Militärstützpunkte der Eindringlinge ins Visier nehmen, ihre Militärkonvois und Streitkräfte", heißt es in einer im Internet verbreiteten Erklärung der Taliban. Die Afghanen sollten die Ausländer töten, schlagen oder gefangen nehmen, um ihnen eine Lektion zu erteilen, damit sie nie wieder den Koran schändeten. Speziell an die Soldaten und Polizisten erging die Aufforderung, "ihre religiösen und nationalen Pflichten zu erfüllen, indem sie ihre Waffen gegen die ausländischen ungläubigen Eindringlinge richten".

PROTESTAKTIONEN IN VIELEN TEILEN DES LANDES

Die Proteste rissen auch am Donnerstag nicht ab. In Kabul warf eine Gruppe von etwa 500 Demonstranten mit Steinen und Stöcken. Polizisten und in Zivil gekleidete Sicherheitskräfte trieben sie auseinander, indem sie dicht über ihre Köpfe hinwegschossen.

In der Provinz Farjab an der Grenze zu Turkmenistan demonstrierten rund 400 Menschen vor einem von Norwegen geführten Militärstützpunkt. Sie warfen mit Steinen und setzten Autos in Brand. Auf dem Stützpunkt halten sich rund 500 Soldaten und Zivilisten aus Norwegen, Lettland, Mazedonien, Island und den USA auf. In der östlichen Provinz Kapisa richteten sich die Proteste gegen eine französische Militärbasis. Die Demonstranten seien dort aber von der Polizei vertrieben worden, sagte Polizeichef Abdul Hamid.