Immer mehr Syrer suchen ihr Heil in der Flucht

Freitag, 9. November 2012, 17:56 Uhr
 

Ankara/Genf (Reuters) - Die Massenflucht vor dem Bürgerkrieg in Syrien nimmt immer größere Ausmaße an.

Allein in den 24 Stunden von Donnerstag auf Freitag brachten sich 11.000 Menschen vor der Gewalt in ihrer Heimat in die Türkei, den Libanon und nach Jordanien in Sicherheit. So viele Flüchtlinge an einem Tag habe es schon lange nicht mehr gegeben, erklärte das UN-Flüchtlingshilfswerk, das die Zahlen in Genf verbreitete. Die Türkei berichtete zudem von der seit Monaten größten Desertion hoher syrischer Offiziere. Zeitgleich zu den Bemühungen der Opposition um einen Schulterschluss meldeten die Rebellen den Beginn einer neuen Offensive im Grenzgebiet zur Türkei.

Allein die Türkei habe binnen eines Tages 9000 Syrer aufgenommen, erklärte das UNHCR: Je 1000 Menschen seien in den Libanon und nach Jordanien geflohen. Damit seien in den 19 Monaten seit Beginn des zum Bürgerkrieg eskalierten Aufstandes gegen Staatschef Baschar al-Assad 408.000 Menschen ins Ausland geflüchtet. Allein in der Türkei leben 120.000 registrierte syrische Flüchtlinge in Lagern. Hinzu kommen Zehntausende nicht erfasste Syrer in türkischen Grenzorten. Nach der jüngsten Schätzung der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden in den vergangenen 19 Monaten 38.000 Menschen getötet.

Die Lage der Flüchtlinge und der zwischen die Fronten geratenen Zivilisten wird nach Einschätzung der UN immer kritischer. Zum Jahresbeginn sei mit vier Millionen hilfsbedürftigen Syrern zu rechnen, warnte das UN-Büro für die Koordinierung von Hilfsmaßnahmen (OCHA). Schon jetzt sei die Versorgung der 2,5 Millionen Menschen, die auf Unterstützung angewiesen seien, nicht gesichert. Deren Lage werde immer verzweifelter.

Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan warf dem UN-Sicherheitsrat Nichtstun vor. Er frage sich, was geschehen müsse, bevor die fünf ständigen Mitglieder des Gremiums ihre Verantwortung wahrnähmen.

Angestoßen wurde die Flüchtlingswelle durch neue heftige Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Rebellen im Nordosten Syriens, der an die Türkei grenzt. In Rebellen- und Oppositionskreisen hieß es am späten Donnerstagabend, die Freie Syrische Armee habe die Grenzstadt Ras al-Ain unter ihre Kontrolle gebracht. Die Kämpfe um die von Arabern und Kurden bewohnte Stadt dauerten am Freitag an. Die Einnahme der Grenzstadt sei von großer strategischer Bedeutung, weil von dort Verwundete in die Türkei gebracht und Nachschub für die Kämpfer fließen könnten, sagte ein Kommandeur der FSA. Beim Angriff auf den Sitz der Sicherheitskräfte in Ras al-Ain seien 20 syrische Soldaten getötet worden.

WIEDER KEHREN ZWEI GENERALE ASSAD DEN RÜCKEN

Unter den in der Nacht desertierten 26 hohen Offizieren sind nach Angaben des türkischen Außenministeriums zwei Generale. Während sich in den Sommermonaten fast täglich Soldaten in die Türkei absetzten, sind es zuletzt weniger geworden.

Derweil zeichnete sich eine Annäherung der verschiedenen Oppositionsgruppen ab, um im Kampf gegen Assad die Kräfte zu bündeln. Unter dem Druck der USA und Katars waren die in Doha versammelten Organisationen zum Zusammengehen bereit. Insbesondere der große, aber als unbeweglich geltende Syrische Nationalrat war Kreisen zufolge bereit, auf die anderen Gruppen zuzugehen und damit die Basis der Opposition zu verbreitern. Eine Einigung werde es noch am Freitag geben. Sobald die dann entstandene Organisation als einzig legitime Vertreterin des syrischen Volkes anerkannt sei, werde es auch Mittel für Waffenlieferungen geben.

 
A Syrian refugee woman and a boy stand outside a tent at Yayladagi refugee camp in Hatay province, near the Turkish-Syrian border November 8, 2012. REUTERS/Murad Sezer (TURKEY - Tags: POLITICS SOCIETY IMMIGRATION)