INSIGHT-Warum Europas Güterbahnen nicht in Schwung kommen

Freitag, 16. November 2012, 14:02 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Wenn im Herbst die Blätter fallen, beginnt für die Güterbahnen in Europa gewöhnlich die goldene Jahreszeit: Kohle muss in großem Stil für den Winter in die Kraftwerke geschafft werden und frisch geerntete Rüben füllen die Waggons.

Die sogenannte Herbstspitze soll eigentlich den Gewinn des Jahres sichern. Doch 2012 fällt sie wohl in ganz Europa aus. Die Autohersteller fahren ihre Produktion zurück, entsprechend weniger Fahrzeuge rollen von der Rampe auf die Züge und die Stahltransporte in die Fabriken werden ebenfalls ausgedünnt.

Wäre dies nur in Jahren großer Wirtschaftsschwäche der Fall, die Güterbahnen könnten es verkraften. Doch seit Jahren fährt keiner der großen, staatlichen Transporteure auf Dauer Gewinne auf der Schiene ein. In Frankreich kriselt der Schienengüterverkehr ebenso wie in der Schweiz, die unter Bahnexperten als Vorbild für eine funktionierende Eisenbahn gilt. Die Deutsche-Bahn-Tochter Schenker Rail, im europäischen Vergleich noch gut unterwegs, will per Sanierungskurs 2012 in Deutschland wenigstens ein kleines Plus erwirtschaften.

Dabei stehen die Unternehmen in einem Markt, dem Wachstumsraten wie kaum einem anderen vorhergesagt werden: Die Transportmengen insgesamt in Deutschland werden einer Studie des Wirtschaftsministeriums zufolge bis 2025 um rund 50 Prozent zunehmen. Die Deutsche Bahn sieht allein für sich bis 2020 ein Potenzial von 35 Prozent. "Wir wollen das weltweit führende Mobilitäts- und Logistikunternehmen werden", sagt Bahnchef Rüdiger Grube.

Wirtschaftskrisen haben bei den Mengen zwar immer wieder in einzelnen Jahren zu Durchhängern geführt, doch der Trend zeigte nach oben. In den vergangenen starken Wirtschaftsjahren kamen Rekordmengen in Deutschland auf die Schiene, von denen die DB-Tochter Schenker Rail auch massiv profitierte. Schwarze Zahlen schaffte sie 2011 in Deutschland dennoch nicht.

An öffentlicher Unterstützung dürfte es eigentlich nicht liegen: Das ständige Güterverkehrswachstum macht Politikern Angst, die rechten Spuren der Autobahnen entwickeln sich zu gigantischen Lagerhallen, der Verschleiß der Straßen ist entsprechend. "Mehr Verkehr auf die Schiene" heißt daher das Motto seit Jahren, doch im Vergleich zum Lkw holt die Bahn kaum auf. Rund 18 Prozent der Güter werden in Deutschland per Bahn befördert, Lkw transportieren über 70 Prozent.

Auch die Trends der Zeit sprechen eher für die Bahn: Der Energieverbrauch pro Tonne ist zumindest auf längeren Strecken deutlich geringer als beim Laster, Züge sind so weit umweltfreundlicher und nerven die Autofahrer auf den Straßen nicht. Warum gelingt es also den Bahn-Managern der großen Gesellschaften in ganz Europa nicht, das Mengenwachstum in Gewinne zu verwandeln?

MANAGER BEKLAGEN KONKURRENZ DER STRASSE

Der Chef der französischen Staatsbahn SNCF, Guillaume Pepy, macht die Politik verantwortlich. "Der Markt für die Lastwagen ist völlig frei in Europa, über die Grenzen hinweg mit Fahrern aus allen Nationen - das ist bei der Bahn so nicht möglich", sagt er. Und: "Wir brauchen einen Deal: der Lkw für kurze Strecken, die Bahn für längere." Der Umweltvorteil der Bahn drücke sich zudem nicht im Preis aus. "Wir haben keine flächendeckende Maut für Lkw. Wenn wir mit den Bahnen wirklich umweltfreundlich fahren wollen, dann kostet es was. Das muss man den Kunden sagen." Hat die Bahn gegen die Straße also keine Chance, profitabel zu fahren?   Fortsetzung...

 
View of an empty platform at Midi railway station during a strike by rail workers in Brussels October 3, 2012. REUTERS/Yves Herman (BELGIUM - Tags: TRANSPORT BUSINESS EMPLOYMENT CIVIL UNREST)